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Musik

Rettet Streaming die Plattenindustrie?

Spotify & Co sind das Medium der Stunde

Der Siegeszug von illegalen MP3-Downloads hat die Plattenindustrie hart getroffen. Nach den Einbrüchen im CD-Verkauf soll die "Lost Generation", die mit Gratis-Downloads aufgewachsen ist, wieder in Bezahlangebote gelockt werden. Streaming-Plattformen wie Spotify sind seit kurzem in Österreich zugänglich. Man zahlt nicht für einzelne Tracks, sondern eine Monatsgebühr für den unlimitierten Zugang zur Musik.

30 Millionen Euro verliert die Unterhaltungsindustrie in Österreich nach Schätzungen des Vereins für Antipiraterie pro Jahr durch illegale Downloads. Nun sieht die Plattenindustrie einen Lichtschein am Ende des Tunnels. Streaming heißt das Zauberwort. Das prominenteste Streaming-Angebot ist Spotify. Doch auch in Österreich gibt es mit play.fm bereits seit mehreren Jahren ein interessantes Streaming-Angebot.

Spotify-Anmeldung mit Facebook-Account

Computer an, rein ins Internet und die Musik hören, die man will, gratis und ganz legal. Das versprechen die neuen Onlinemusik-Anbieter wie Simfy und Spotify. Seit Ende letzten Jahres sind diese Angebote in Österreich nutzbar. Etwa 15 Millionen Titel sind bei Spotify gespeichert. Sie können am Computer gratis angehört werden, unterbrochen und finanziert von Werbeeinschaltungen.

Wer die Musik werbefrei, in höherer Streaming-Qualität und auf seinem Handy genießen will, muss zahlen - ungefähr 120 Euro pro Jahr. Und man muss sich bei Facebook registrieren, um Spotify nutzen zu können. Ein gelungener Marketing-Coup.

Hannes Eder

Universal-Austria-Chef erklärt: So funktioniert Spotify.

Labels leiten Trendwende ein

Die Musikindustrie hat schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Internet. Online-Angebote wurden nur zögerlich unterstützt. Doch jetzt scheint alles anders. Schweden hat es vorgemacht. Dort sind über ein Viertel der Bevölkerung Spotify-Kunden. Nur bei großen Umsätzen sind Streaming-Angebote für Musiker/innen und Komponist/innen interessant, denn die Erträge pro aufgerufenem Track liegen bei Spotify & Co im hinteren Komma-Bereich.

Man müsse mit seinem Song über vier Millionen Mal angeklickt werden, um auf den monatlichen Mindestlohn zu kommen, hat ein amerikanischer Musikjournalist vorgerechnet. "Indie-Labels haben darauf hingewiesen, dass sie für 100 Album-Aufrufe 2,94 Euro bekommen", so Kai Erenli, Medienrechtsexperte an der Fachhochschule des bfi Wien.

Auf die Menge kommt es an

"Eine CD oder einen Download verkauft man nur ein Mal", gibt Hannes Eder vom Musikriesen Universal zu bedenken, "während ein Spotify-User vielleicht 400 Mal diesen einen Song anhört - und dann ist das Verhältnis schon wieder ein ganz anderes."

Eder hat für Österreich den Spotify-Deal eingefädelt.

Wie Spotify nach Österreich kam

Spotify ist nur auf bestimmte Länder beschränkt – auf jene, wo mit allen Lizenz- und Rechteinhaber Einigung erzielt werden konnte. Österreich sei zunächst gar nicht Teil der Expansionspläne von Spotify gewesen, sagt Labelmanager Eder. Er habe einen Business Developer davon überzeugen können, "dass Österreich doch ganz super wäre. Zwei, drei Wochen später haben wir uns mit potentiellen Partnern - eine sehr große österreichische Mobilfunkanbieterfirma und eine andere sehr große österreichische Firma - getroffen. Die haben den Markt analysiert und sind draufgekommen, dass das doch interessant wäre."

Stefan Niederwieser

"The Gap"-Chefredakteur über den Erfolg von Spotify und weitere Streaming-Anbieter

Neue Medienriesen im Entstehen?

Der britische "Guardian" hat recherchiert, dass die großen Plattenfirmen auch Teilhaber von Spotify sind - also selbst größtes Interesse am Erfolg der Plattform haben. Wer finanziert die neuen Streaming-Angebote? "Venture-Capital-Firmen, also Risikokapital-Firmen", erläutert Erenli . "Unterschiedliche Player sind auf diesem Markt - im deutschsprachigen Raum gibt es zwei, drei große, die da sehr prominent sind. Und es gibt einige dubiose Leute, aber das ist halt das Internet."

Die Frage geht auch über die Musikindustrie hinaus, sagt Erenli. Man müsse als Konsument aufmerksam bleiben, denn: "Im Moment wird darüber diskutiert, wem das Internet gehört. Das 'Wired'-Magazin ist der Meinung, dass es Amazon beziehungsweise dessen Gründer Jeff Bezos gehört. Andere sagen: Facebook ist stark im Kommen und wird alles übernehmen." Hier passiere eine starke Zentralisation der Kräfte. Das sei genau zu beobachten - "in einem Internet, das eigentlich dezentral aufgebaut ist und so behandelt werden sollte".

Streaming aus Österreich

Das österreichische Onlineprojekt play.fm ist bereits seit 2004 im Netz. Das von Georg Hitzenberger gegründete Angebot bedient Freunde der Tanzmusik und kann auf monatlich 180.000 User verweisen, die zwischen 100.000 und 150.000 Stunden Musik hören. Keine einzelnen Lieder und Tracks, sondern ganze DJ-Sets sind auf play.fm gratis und on demand abrufbar. Auch als kostenpflichtige mobile App ist play.fm verfügbar.

Als großes Hindernis für die legale Verbreitung von Musik im Internet sieht Hitzenberger die Verwertungsgesellschaften in den EU-Ländern und die komplizierte Lizenzsituation. "Das fängt damit an, dass es in Europa nicht eine Stelle gibt, wo ich mir meine Lizenzen als Content-Anbieter besorgen kann, sondern ich muss in jedes einzelne der 27 Länder gehen." In jedem Land gäbe es - je nach Distributionsmodell - zwei bis drei Verwertungsgesellschaften, mit denen man verhandeln müsse.

Georg Hitzenberger

play.fm-Gründer über die schwierige Lizenz- und Rechtslage für Online-Anbieter in Europa

Gebietsübergreifende Lizensierung eingefordert

Bei der AKM ist man sich dieses Problems bewusst und verweist zunächst darauf, dass die meisten Anbieter ganz bewusst für jedes Land eigene Strategien hätten und damit eigene Vereinbarungen treffen würden. "Es gibt Bestrebungen der EU-Kommission, hier ein Modell zu finden, das die gebietsübergreifende Online-Lizensierung erleichtert", so Ingrid Polak von der Rechtsabteilung der Verwertungsgesellschaft AKM. "Wir rechnen damit, dass dieses Regelwerk nächstes Jahr erscheinen soll. Es gibt allerdings noch keinen Entwurf. Deswegen kann man zu konkreten Modellen noch gar nichts sagen."

Livekonzerte boomen

Die Verteilungsschlüssel im Streaming-Bereich werden heftig diskutiert. Wo auf jeden Fall viel Geld zu machen ist, ist der Live-Bereich. Untersuchungen zeigen, dass immer mehr Geld für Konzerte ausgegeben wird. Besonders in Österreich. "Wir waren ein Hinterwäldler-Land", sagt Österreichs wichtigster Konzertveranstalter Harry Jenner (Skalar Music). "Bis 2001 hatten wir nur Wiesen mit 8.000 Besuchern pro Tag als Festivalkapazität in Österreich. 2003 hatten wir beim Frequency-Festival schon 45.000 Besucher pro Tag."

Kritik an steigenden Kartenpreisen beantwortet Jenner zweiteilig: "Das Frequency wird heuer zum dritten Mal hintereinander denselben Preis haben, nämlich 120 Euro im Vorverkauf, das ist im Europa-Vergleich nichts. Und die Bands verkaufen natürlich deutlich weniger CDs und versuchen sich das über die Gagen zurückzuholen. Das ist nie zu 100 Prozent zu kompensieren und sie versuchen aus uns Veranstaltern das Letzte herauszuquetschen. Darum ergeben sich bei Einzelshows leider manchmal komische Ticketpreise, weil die Gagen dermaßen gestiegen sind."

"Ob das früher der Heurige war oder ob man in den Musikverein geht - ich bin überzeugt davon, dass Musik live immer funktionieren wird", ist sich Hannes Eder sicher. "So wie es auch immer funktionieren wird, dass man mit Musik Geld macht - man muss halt immer nur schauen, wie."

Gestaltung: Rainer Elstner · 12.01.2012

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thegap - Stefan Niederwieser
Fachhochschule des bfi Wien - Kai Erenli
Guardian - Behind the music: The real reason why the major labels love Spotify
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