Skelett mit Sehnsüchten

"Urs Fischer. Skinny Sunrise" heißt die Ausstellung, die am Donnerstag, 16. Februar 2012, in der Kunsthalle Wien eröffnet wird. Der Schweizer Künstler, der bei der letzten Biennale in Venedig mit einer sich selbst zerstörenden Wachsskulptur präsent war, arbeitet mit Transformationen von Material und Medium.

Kulturjournal, 16.02.2012

Urs Fischer sitzt an einem Tisch und schmilzt langsam vor sich hin. Die Skulptur ist aus Wachs, durchzogen von Dochten. Funktioniert also wie eine Kerze und verbrennt vom Kopf abwärts. Ein Selbstporträt? Nein. Oder doch? "Es ist nicht unbedingt ein Selbstporträt. Es ist ein Porträt von mir, von mir gemacht", sagt Urs Fischer.

Abgebrannt

Ursprünglich stand neben dem Tisch noch ein Wachs-Abbild von Urs Fischers Malerfreund Rudolf Stingel. Der machte in Venedig Furore - aber allein: Als Herr in Anzug und Krawatte mit einer Hand in der Hosentasche vor einer klassischen griechischen Statue stehend, war er eines der meistfotografierten Objekte bei der Biennale in Venedig.

Auch in seinem Hirn flackerten Dochte, der dafür sorgte, dass die Figur im Laufe der Biennale-Wochen ganz einfach abbrannte. Die Fotografen stürzten sich regelrecht auf das Motiv, denn es gab keine augenscheinlichere Illustration für das Thema der Biennale, das da lautete: "Illuminations".

Auf die Frage, warum er die Figuren für Venedig auseinandergerissen hat, sagt Urs Fischer: "Das hätte die beiden unnötig in Beziehung gebracht." Ob es bei diesen Skulpturen um die Sichtbarmachung von Gedankenblitze geht oder um die Menschheit, die an der Hyperaktivität ihres Gehirns zugrunde geht, bleibt dem Betrachter überlassen.

Die Schönheit des Vergänglichen

Ebenso ironisch ist jedenfalls die Skulptur "Skinny Sunrise", die in dieser Ausstellung titelgebend ist, frei übersetzt mit "Knöcherner Sonnenaufgang". Es ist ein Skelett, aus Styropor geschnitzt, das so auf eine Bank drapiert ist, dass es lasziv das Hinterteil in die Höhe reckt. Ein lüsternes Geschöpf. Ob männlich oder weiblich, das spielt keine Rolle, sagt Urs Fischer: "Es ist einfach generell eine sehnsüchtige Natur."

Immer wieder verwendet Urs Fischer Skelette in seinen Arbeiten, denn er liebt die Schönheit des Vergänglichen. Dieses Skelett hat ganz offensichtlich einen starken Lebenswillen. Es scheint zu sagen: Ja, ich bin tot, aber vital. Es sei eine leichtfüßige Figuration, sagt Fischer, nicht wie eine Statue. "Ich finde, eine Statue ist eigentlich viel morbider als ein Skelett", weil er sich bereits als Kind an den überall herumstehenden Statuen sattgesehen hatte.

Wenn sich die Arbeit selber macht

Eine andere Arbeit, die den Verfall feiert, indem sie ihm zu trotzen scheint, ist eine Obstschüssel voll echter Äpfel und Bananen, die hier in der Ausstellung vor sich hin gammeln werden, nur überzogen von einer transparenten Silikonschichte, um den Prozess etwas zu verlangsamen.

Will man Urs Fischer aber einen Hang zu Vanitas-Motiven unterstellen, sagt er angesichts eines von der Decke baumelden Croissants: "Das Croissant könnte auch ein Stück vom Leib Christi sein. Ist es aber nicht. Das Croissant ist schön, ich mag das zum Frühstück."

Solche filigranen Objekte stehen in krassem Gegensatz zur großen Geste, mit der Urs Fischer im Vorjahr einen tonnenschweren Teddybären mitten in Manhattan platziert hatte. Ganz in Pop-Art-Manier. Und wieder in krassem Gegensatz dazu die Zufallsskulpturen, wie jene zwei Äste, die derzeit in der Kunsthalle von der Decke baumelnd um sich selbst rotieren. Zwei auf den Ästen befestigte Kerzen tropfen unentwegt auf den Boden, wo sie sozusagen Kreise zeichnen.

"Ich mag das, wenn sich die Arbeit noch ein Stück selber macht", meint Urs Fischer. "Die macht das oft besser, als ich das mache. Die Natur ist geschickter als wir."

Textfassung: Ruth Halle

Service

Ö1 Club-Mitglieder bekommen in der Kunsthalle Wien ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).

Kunsthalle Wien - Urs Fischer