Jelineks "Winterreise" am Akademietheater

Am Abend des 5. April 2011 hatte am Wiener Akademietheater Elfriede Jelineks Stück "Winterreise" seine österreichische Erstaufführung. "Winterreise" war zum Stück des Jahres 2011 gewählt worden. Das Premierenpublikum war begeistert.

Kultur aktuell, 06.04.2012

Anhaltender Applaus und Jubel nach der knapp zwei Stunden dauernden Premiere. Regisseur Stefan Bachmann hat die berühmten Textflächen Elfriede Jelineks sehr plastisch auf die sechs Akteure - drei Männer und drei Frauen unterschiedlichen Alters - aufgeteilt. Plastisch im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Stück beginnt mit einer Meditation über die Zeit und das Altern, das eine äußerst korpulent verkleidete Barbara Petritsch in einem Loch mitten in einer fast senkrechten Spielfläche steckend, darbietet.

Schräge Bühne

An Seilen hängend agieren die Schauspieler, allein oder in Gruppen, je nach Thema. Der Zuschauer sieht die auf der extremen Schräge Stehenden aus einer Vogelperspektive. Oder sie rutschen oder purzeln in die Tiefe, wobei der Bühnenraum optimal ausgenützt wird und sich in den Zuschauerraum erstreckt. Diese räumliche Aufteilung entspricht den unterschiedlichen Themen in den Textelementen.

Autobiografisches der Jelinek, etwa das Verhältnis zu ihrer Mutter oder zur Sexualität, bis zu Internet-Kontaktbörsen. Aktuelles aus Österreich: die Hypo-Bankenhochzeit als Bauernhochzeit, oder der Fall Kampusch.

Rocker singt Schubertlieder

Die Texte werden durchaus auch musikalisch behandelt, wenn etwa mehrere Akteure gleichzeitig sprechen - als Chor oder durcheinander. Zwischen den Szenen gibt es Musik, zur Klavierbegleitung von Felix Huber singt der deutsche Rocker und Schauspieler Jan Plewka Lieder aus Schuberts "Winterreise".

Was anfangs reizvoll sein mag - die raue Rockerstimme kombiniert mit Schubert - entwickelt in der Folge ein Déjà-vu-Erlebnis, das seine Grenzen aufzeigt.

Fulminantes Finale

Die facettenreiche, kurzweilige Aufführung, die auch den trockenen Humor der Texte Jelineks herausarbeitet, endet mit einem fulminanten Finale, in dem sich die Spielfläche in eine Skipiste verwandelt, wo zu Musik und Rezitation auch Slapstick nicht zu kurz kommt.

Besonderes Lob gilt den Akteuren - neben Barbara Petritsch Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann, Simon Hirsch, Gerrit Jansen und Rudolf Melichar. Für Regisseur Stefan Bachmann eine summa sumarum gelungene erste Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek.

Textfassung: Walter Gerischer-Landrock

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Burgtheater - Winterreise