Eine optimistische Reise in die Zukunft

Morgen ist heute gestern

Abwarten und Tee trinken ist mit Sicherheit nicht das Lebensmotto von Mark Stevenson. Der Brite zählt zu jenen Menschen, die schon in der Gegenwart wissen wollen, was die Zukunft bringt.

Es sind viele Fragen, die den Informations- und Kommunikationswissenschaftler, der sich in seiner Heimat auch als Kabarettist, Musiker und Gründer einer internationalen Institution für kulturelles Lernen einen Namen gemacht hat, beschäftigen: Werden wir eines Tages unsterblich sein? Werden wir Krebs heilen und den Klimawandel verhindern können? Werden uns selbständig denkende und sozial agierende Roboter unsere Wünsche von den Augen ablesen können und was hat es überhaupt mit der Nanotechnologie auf sich?

Fast 100.000 Kilometer hat Mark Stevenson auf den Spuren der Zukunft zurückgelegt, um in Forschungsstätten auf vier Kontinenten Antworten auf seine brennenden Fragen zu bekommen.

Der Rest eines Lebens

Mark Stevenson sitzt in einem Zug nach Oxford und denkt darüber nach, wie lange er wohl noch zu leben hat. Das sei keine Reaktion auf das Sandwich, das man ihm gerade im Zug verkauft hat und habe auch nichts damit zu tun, dass er den Untergang der menschlichen Zivilisation erwarte. Es sei schlicht und einfach die Folge einer Überlegung, die wenige Wochen zuvor plötzlich seine Gedanken erfasst habe, nämlich die Frage: "Was willst du mit dem Rest deines Lebens eigentlich anfangen?"

Um diese Frage beantworten zu können, beschloss der Autor, sich zunächst einmal mit diesem "Rest des Lebens" an sich zu befassen. Dieser könnte nämlich unter Umständen wesentlich umfangreicher ausfallen, als dies die amtliche Statistikbehörde in Großbritannien in Form der durchschnittlichen Lebenserwartung festgelegt hat - wenn man nämlich den Vertretern des Transhumanismus Vertrauen schenkt, die davon ausgehen, dass der Mensch eines Tages 1.000 Jahre oder länger leben könnte.

Transhumanismus

Dieser Sache wollte Mark Stevenson auf den Grund gehen und machte sich daher auf den Weg zur University of Oxford, um dem Future of Humanity Institute einen Besuch abzustatten. Dessen Gründer, Nick Bostrom, gilt nämlich als bedeutender Vertreter dieser futuristischen Denkrichtung, die von Kritikern übrigens als eine der gefährlichsten Ideen der Welt bezeichnet wird, wie Mark Stevenson im ersten Kapitel seines sehr humorvoll gehaltenen Reiseberichts schildert:

Für Mark Stevenson drängen sich bald Fragen auf: Was geschieht mit unserer Gesellschaft, wenn wir tatsächlich immer älter werden? Welche Auswirkungen hat das auf das Pensionssystem, auf das Berufsleben? Wer würde noch heiraten, wenn das ein Versprechen für die nächsten 80 Jahre ist? Die Biotechnologie gibt uns vielleicht eines Tages die Möglichkeit eines längeren Lebens, es sei aber immer alles eine Frage der Wertigkeit, sagt Mark Stevenson.

Biologische Grenzen überwinden

Die Bekämpfung des Alterungsprozesses ist übrigens nur ein Teil der wahrlich radikalen Agenda des Transhumanismus, wie Mark Stevenson in seinen Gesprächen mit Nick Bostrom bald herausgefunden hat. Es geht nämlich auch darum, die biologischen Begrenzungen des Menschen zu überwinden, ihn also besser, stärker und schneller werden zu lassen - ein Aspekt, der Erinnerungen an liebgewonnene Spielgefährten aus seinem Kinderzimmer weckt, schreibt Mark Stevenson:

Gegenstand des Angriffs der Transhumanisten auf unsere biologischen Grenzen ist die Idee, die Haupttypen molekularer und zellulärer Schädigungen, die uns altern und schließlich sterben lassen, zu erkennen und zu beheben. Dies sei eine der Fronten, an denen die Transhumanisten kämpfen. Sie gehen weiters auch von einer Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschine aus. Intelligente Technologien der Zukunft werden unsere Fertigkeiten und kognitiven Fähigkeiten deutlich verbessern. Damit könne die menschliche Kreativität unendlich erweitert werden, was zur Folge hätte, dass Jahrhunderte alte Probleme der Menschheit überwunden wären, beschreibt Mark Stevenson die Zukunft aus der Sichtweise der Transhumanisten.

Erfahrungen mit Kryonautik

Bei seinen Gesprächen über die Sehnsucht des Menschen nach der Unendlichkeit des Lebens macht der Autor auch Bekanntschaft mit dem Verfahren der kryonischen Suspension. Das ist eine Methode des Konservierens verstorbener Menschen durch das Einfrieren ihres Körpers - in der Hoffnung, dass die Fortschritte der Medizin später die für den Tod verantwortlichen Krankheiten heilen können. Ein makabres Verfahren mit vielen Risiken.

Geheimnisse der Biotechnologie

Mark Stevenson wird oft als Optimist bezeichnet - wohl deshalb, weil er auch angesichts erschreckendster Zukunftsszenarien niemals seinen britischen Humor verliert. Der Autor selbst sieht sich als jemand, der alle Möglichkeiten in Betracht ziehen will: Die Technik bietet uns Wahlmöglichkeiten - für Positives genauso wie für Negatives. Man nehme etwa die Synthetische Biologie: Sie kann neuen Treibstoff genauso hervorbringen wie neue Krankheiten. Es gehe darum, die guten Seiten der Entwicklungen hervorzukehren und nicht nur über die negativen Aspekte zu reden, erklärt Mark Stevenson und fügt hinzu: Man müsse die richtigen Fragen stellen.

Sein Ausflug in die Welt der Transhumanisten macht Mark Stevenson klar, dass er deren Ideen erst dann richtig einschätzen könne, wenn er die Geheimnisse der Biotechnologie versteht, und so macht sich der wissenshungrige Autor auf den Weg zur Harvard Medical School in Boston. Dort will er George Church treffen, einen Professor für Genetik, der als einer der bedeutendsten Vertreter der fortschreitenden biotechnischen Revolution gilt. George Church verfolgt nämlich das Ziel, "die Menschheit in eine Ära der persönlichen Genomik zu führen, in der Medizin und Gesundheit für jeden Menschen schon zum Zeitpunkt seiner Geburt individuell maßgeschneidert werden."

Erreichen will Church das mit seinem "Personel Genome Projekt", einem ehrgeizigen Forschungsprojekt, das "Informationen für die künftige Behandlung Tausender von Krankheiten liefern und dadurch neue Erkenntnisse über die Funktionsweise jener Maschinerie zutage fördern könnte, die man Homo Sapiens nennt", schreibt Mark Stevenson:

Mark Stevenson lässt es sich nicht nehmen, auch selbst an dieser Studie teilzunehmen, die er seiner Leserschaft als aufwändigen und nicht gerade diskreten Prozess beschreibt:

Menschliche Maschinen

Die nächste Station des Autors ist das Media Lab am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, in Boston. Dort hat Mark Stevenson einen der begehrten und sehr raren Interviewtermine bei Cynthia Breazeal ergattert, einer Robotik-Ingenieurin, die an der Entwicklung eines autonomen und soziablen Roboters arbeitet. Ziel der Forscherin ist es, eine "in jeder Hinsicht intelligente, soziale und für unterschiedlichste Zwecke einsetzbare Maschine zu bauen."

Leo heißt der Prototyp, den Mark Stevenson in Cynthia Breazeals Labor kennenlernen darf, ein dickbäuchiges kleines Stofftier mit braunen Kulleraugen. Leos Fähigkeit, nicht nur auf Anweisung seiner Lehrerin hin verschiedene Knöpfe zu drücken, sondern dabei offenbar auch eigene Schlüsse zu ziehen, sind wahrlich beeindruckend, hält Mark Stevenson fest. Der Roboter zucke mit den Schultern, neige den Kopf oder blinzle und gebe damit soziale Hinweise, die Mark Stevenson auf natürliche Weise verstehe und darauf automatisch reagiere. Ohne es zu wollen, billige er dem Computer emotionale Befindlichkeiten und Denkprozesse zu. Cynthias Antwort auf seine Frage, wie sie das nur schaffe, ist klar:

Die Zukunft wird vielversprechend

Mark Stevensons Reise in die Zukunft führt ihn noch an viele weitere Forschungsstätten dieser Welt. So wird er mit einem Spaceshuttle durch die Mojave-Wüste touren oder Einblicke in Nanotechnologie gewinnen. Das Resümee, das er mit seinem humorvollen Reisebericht seiner Leserschaft vermittelt, ist optimistisch: Die Zukunft wird vielversprechend, wenn wir erst erkannt haben, dass Mensch und Maschine untrennbar verbunden sind.

Die technischen Entwicklungen werden uns allerdings zwingen, uns auch mit philosophischen Fragen zu befassen - Fragen, auf die wir in den nächsten 50 Jahren Antworten brauchen. Wir müssen den Fortschritt akzeptieren und uns damit arrangieren, sagt Mark Stevenson, denn eines sei klar: Der Mensch ist per Definition eine technische und eine kulturelle Spezies. Daher gilt: Technik ist menschlich, lasst uns also daraus das Beste machen.

Text: Sylvia Sammer

Service

Mark Stevenson, "Morgen ist heute gestern. Eine optimistische Reise in die Zukunft", aus dem Englischen übersetzt von Hans Freundl und Werner Roller, Piper Verlag

Piper - Morgen ist heute gestern