Alexander Warzilek

ORF/ROSANNA ATZARA

Presserats-Chef: Guter Boulevard ist möglich

Im #doublecheck-Interview mit Rosanna Atzara spricht der Geschäftsführer des Presserats Alexander Warzilek über die Fehlerkultur im Journalismus, warum Eva Dichand und Wolfgang Fellner die Presserat-Statistiken anders lesen und darüber, wie der Kampf um Clicks die Debatte und Fehlerquote online verschärft.

"Österreich", "Heute" und "Krone" haben in den vergangenen Jahren die meisten Ethikverstöße begangen. Sie haben sich in Interviews für einen "ethischen Boulevard-Journalismus" ausgesprochen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich glaube, es ist nicht die Quadratur des Kreises, einen ethisch korrekten Boulevard-Journalismus zu betreiben. Die Frage ist, ob man das möchte und ob man gewisse Abstriche macht in Bezug auf pauschale Verunglimpfungen und dem Persönlichkeitsschutz. Ich denke zum Beispiel an die "Kleine Zeitung", die keine klassische Boulevardzeitung ist. Dort versucht man, den Ehrenkodex des Presserats möglichst einzuhalten. Es gelingt nicht immer, aber bei der "Kleinen Zeitung" merkt man, dass es ein Anliegen ist.

Eva Dichand meint, "Heute" sei der gute Boulevard. Was sagen Sie dazu?

Es steht mir nicht zu, eine Zeitung als Ganzes zu bewerten. Unsere Senate beim Presserat entscheiden immer nur im Einzelfall. Wir schauen uns einen konkreten Artikel an und überlegen dann, ob dieser die Vorgaben des Ehrenkodex erfüllt oder nicht. Wir geben kein Pauschalurteil ab. Man erkennt aber möglicherweise gewisse Trends in statistischen Daten. In den Statistiken der vergangenen Jahre sieht man, dass die "Kronen Zeitung", "Österreich" und an der dritten Stelle "Heute" zumeist vorne sind.

Der Presserat behandelt von Jahr zu Jahr mehr Fälle. Was wollen Sie tun, damit der Presserat noch bekannter wird?

Es ist ganz entscheidend, dass die Leserinnen und Leser Bescheid wissen, dass es so eine Einrichtung gibt. Wir arbeiten massiv daran, unsere Bekanntheit zu heben. Ich glaube, dass es vor allem wirksam ist, über unsere Entscheidungen zu sprechen und diese publik zu machen. Wir gehen aber auch in Schulen und nehmen an Diskussionen teil.

Gibt es gewisse Reizthemen, bei denen besonders viele Beschwerden einlangen?

Ja. Wir haben erhoben, dass ungefähr 20 Prozent der Fälle 2016 das Thema Flüchtlinge betroffen hat. Es geht hier in erster Linie um die Diskriminierung von Flüchtlingen, also um die Pauschalverunglimpfung dieser Personengruppe. Oft geht es aber auch um Persönlichkeitsverletzungen einem einzelnen Flüchtling gegenüber. Dieses Thema ist für den Presserat ganz zentral gewesen.

Welcher Artikel hat bisher die meisten Leser-Beschwerden beim Presserat nach sich gezogen?

Der Fall, zu dem es die meisten Leser-Beschwerden gegeben hat, betrifft die Veröffentlichung eines Bildes in der "Kronen Zeitung" von toten Flüchtlingen in jenem Lkw, der auf der A4 gefunden wurde. Dazu hat es 180 Beschwerden von Leserinnen und Lesern gegeben. Der zuständige Senat ist zur Auffassung gelangt, dass in diesem Fall die Persönlichkeitsrechte der Verstorbenen postmortal verletzt worden sind.

Eva Dichand sagt im #doublecheck-Interview, der "Kurier" habe 2016 mehr Presserats-Verurteilungen als "Heute" gehabt. Fellner sagt wiederum, "Österreich" habe weniger Verstöße als "Heute". Wenn man die Fallstatistik betrachtet, sieht man, dass beides nicht stimmt. Wie kann das sein?

Das muss man differenziert betrachten. Man könnte sagen, dass "Heute" weniger Verurteilungen hat als der "Kurier", weil es bei "Heute" - bezogen auf 24 Fälle - zwei Ethikverstöße gegeben hat. Beim "Kurier" waren es ebenso zwei Ethikverstöße, allerdings bezogen auf 18 Fälle. Dazu muss man aber sagen, dass die Verstöße vom "Kurier" geringfügige Verstöße gewesen sind. Ich würde deswegen "Heute" trotzdem vor "Kurier" reihen. Zu Wolfgang Fellner ist zu sagen, dass er immer differenziert zwischen der Tageszeitung "Österreich" und der Website "oe24.at". Wir rechnen Print und Online aber zusammen.

Wolfgang Fellners "Österreich" ist seit diesem Jahr Mitglied, "oe24.at" aber nicht. Alle anderen beteiligten Medien unterwerfen auch ihrer Online-Ausgaben dem Presserat.

Zunächst möchte ich sagen, dass ich es sehr positiv finde, dass Wolfgang Fellner sich dazu durchgerungen hat, sich dem Ehrenkodex zu verpflichten. Es ist richtig, dass es ungewöhnlich ist, dass sich die Tageszeitung "Österreich" verpflichtet hat, die dazugehörige Online-Seite aber nicht. Alle anderen Medien haben es bisher anders gehandhabt. Da müsste man Wolfgang Fellner fragen, warum er das so macht, denn entweder verpflichte ich mich dem Ehrenkodex oder nicht. Dass es ein Naheverhältnis zwischen "oe24.at" und "Österreich" gibt, ist evident. Auch wenn es zwei unterschiedliche Medieninhaberinnen sind.

"Krone" und "Heute" sind keine Mitglieder beim Presserat. Gibt es da Annäherungen?

Wir sind jederzeit für Gespräche offen und hatten auch ein gutes Gespräch mit der Führungsriege von "Heute". Das Resultat ist aber gewesen, dass "Heute" vorerst nicht Mitglied wird. Man kann sie natürlich nicht zwingen, es ist ja eine freiwillige Mitgliedschaft bei uns.

Und bei der "Kronen Zeitung"?

Mit der "Kronen Zeitung" haben wir am wenigsten Kontakt. Wir haben versucht, ein Gespräch zu führen. Auf unsere Initiative ist aber nicht reagiert worden. Wobei ich dazusagen möchte, dass die Zusammenarbeit auf Redaktionsebene funktioniert. In einem unserer drei Senate sitzt auch ein Journalist der "Kronen Zeitung".

Ob diese Zeitungen Mitglied werden, könnte davon abhängen, ob bei der aufgeschobenen Reform der Presseförderung eine Mitgliedschaft beim Presserat zum Vergabekriterium wird. Wie stehen Sie zu dieser möglichen Koppelung?

Ich finde es gut, wenn die Mitgliedschaft beim Presserat ein Kriterium für den Bezug der Presseförderung ist. Das stärkt den Presserat und die Medienethik. Die Anerkennung des Presserats ist ja nichts anderes als die Anerkennung von Qualitätsmaßstäben. Das Ziel jeder staatlichen Presseförderung sollte es sein, die Qualität möglichst zu fördern und nicht nach dem Gießkannenprinzip alle Zeitungen mit Geld zu bedenken. Es wäre auch günstig, wenn das eine Grundbedingung ist und nicht bloß einen Bonus bewirkt.

Wie lässt sich denn journalistische Qualität messen, und wer sollte das Ihrer Meinung nach tun?

Es ist sicherlich nicht einfach, Kriterien für Qualität einzufangen, aber ich denke es ist nicht unmöglich. Der verstorbene Medienwissenschafter Hannes Haas hat in einer Studie einige Kriterien herausgearbeitet und in der Wissenschaft ist es auch Konsens, dass die Mitgliedschaft beim Presserat eines dieser Kriterien sein sollte. Man hat ohnehin auch jetzt schon eine unabhängige Presseförderungskommission. Vielleicht könnte man deren Unabhängigkeit stärken und dieses Gremium noch stärker heranziehen für diese Qualitätskriterien.

Wie ist die Moral der Mitglieder? Wird den Entscheidungen des Presserates Folge geleistet, werden sie abgedruckt?

Bisher ist es erst in drei Beschwerdeverfahren so weit gekommen, dass wir einen Ethikverstoß festgestellt haben und dieser dann auch abgedruckt wurde. Die betroffenen Medien haben das anstandslos gemacht. Die meiste Zahl der Fälle betrifft aber das selbstständige Verfahren und da gibt es keine Verpflichtung zum Abdrucken der Entscheidung. Hier könnte man nachbessern.

Wie steht es um die Ethik und die Fehlerkultur im österreichischen Journalismus im internationalen Vergleich?

Die Fehlerkultur in den österreichischen Medien ist meiner Ansicht nach noch ausbaufähig. Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr Leseranwälte gibt. Man könnte ein entspannteres Verhältnis zu Fehlern aufbauen. Ich glaube, dass es die Leserinnen und Leser schätzen, wenn eine Zeitung etwas klarstellt und einen Fehler zugibt. Das sollte nicht jeden Tag der Fall sein, aber wenn etwas falsch gelaufen ist, sollte man auf das Publikum zugehen. Ich glaube, da würde niemandem ein Zacken aus der Krone fallen.

Voriges Jahr wurde erstmals ein Medium für einen Tweet verurteilt, davor schon wurden Facebook-Postings behandelt. Wie wird sich das Ihrer Meinung nach weiterentwickeln? Neigen Medien dazu, im Netz flapsiger oder schleißiger zu agieren?

Ich sehe einen Qualitätsunterschied zwischen Online und Print. Online schaut man viel stärker auf die Klickzahlen und neigt eher zu einer Grenzüberschreitung als in der gedruckten Zeitung. Wir hinken hier leider noch hinten nach, für reine Online-Seiten sind wir derzeit nicht zuständig. Ich hoffe, dass sich das ändern wird.

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