Festredner Ferdinand von Schirach

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Von Schirach eröffnet Salzburger Festspiele

Heute Vormittag wurden die Salzburger Festspiele eröffnet. Der Festakt mit den Spitzen der Republik in der Felsenreitschule bildet traditionell den offiziellen Startschuss für die Festspiele - auch wenn erste Programmhöhepunkte schon in den vergangenen Tagen zu erleben waren. Als Festredner war heuer der deutsche Strafverteidiger und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach geladen, und er bezog sich in seiner Festrede auf den diesjährigen Themenschwerpunkt "Macht".

Mittagsjournal, 27.7.2017

Sebastian Fleischer

Werke von Dmitri Schostakowitsch bildeten den musikalischen Auftakt der Eröffnungszeremonie. Schostakowitsch, der als Komponist permanent unter dem Druck der Sowjet-Diktatur stand, ist bei den diesjährigen Salzburger Festspielen ein Schwerpunkt gewidmet. "Strategien der Macht" ist das Leitthema der diesjährigen Festspiele, das etwa auch Kulturminister Thomas Drozda in seinen Grußworten aufgriff.

Machtverschiebungen

Mit welchen Machtverschiebungen es heutige Demokratien zu tun haben, erläuterte Ferdinand von Schirach in seiner Festrede. Darin sprach er von den Gefahren einer "absoluten direkten Demokratie", wie er sage, in der allein per Volksentscheid Politik gemacht werde.

"Vor wenigen Jahren noch fanden die entscheidenden Debatten in unseren Parlamenten statt, dann wurden Fernsehtalkshows zum wichtigsten öffentlichen Forum, und jetzt regiert ein amerikanischer Präsident praktisch via Twitter - Millionen Menschen lesen jeden Tag seine ungezügelten Gedanken. Das Internet hat das Gefüge der Demokratien schon grundlegend verändert."

Eröffnungsrede zum Nachhören



"Wenn sich die Mehrheit für das Falsche entscheidet?"

Der Schriftsteller und Rechtsanwalt erinnerte an Voltaire, der sich als erster gegen die Obrigkeit, aber auch gegen die herrschende Moral und die sogenannte "öffentliche Meinung" gestellt habe: "Wann soll eine Sachentscheidung über eine Mehrheitsentscheidung gestellt werden? Wann muss sie es? Oder zählt Ethik nichts gegen den Bürgerwillen? Und, falls doch, wer soll bestimmen, was diese Ethik ist? Was, meine Damen und Herren, hilft noch, wenn die Mehrheit sich, wie so oft in der Geschichte, wieder für das Falsche, für das Furchtbare und Dunkle entscheidet?"

Vor solchen Szenarien, so Schirach, könnten nur Rechtstaatlichkeit und menschliche Ethik schützen, wie sie etwa in den Verfassungen der freien Länder verankert seien. "Oft genug verlieren wir ja, immer wieder fallen wir zurück ins Dumpfe und Tierische. Aber die Magna Carta, die Erklärung der Bürgerrechte, die Bill of Rights - das sind unsere Siege über uns selbst."

Schirach sprach zudem von der Bedeutung von Theater und der Kunst als Foren, in denen sich Menschen mit ihren Gedanken, Gefühlen und Reflexen auseinandersetzen könnten.

Van der Bellen: "Vornehme Pflicht der Starken"

Bundespräsident Alexander van der Bellen nahm in seiner Eröffnungsrede auf Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" Bezug und kam auf die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich zu sprechen. "Ist es nicht die vornehme Pflicht jedes starken, wohlhabenden, erfolgreichen Menschen, auch für die Menschen da zu sein, denen es nicht so gut geht? Aufgabe der Politik ist es dann, Rahmenbedingungen zu schaffen, in der die Schwächeren und Ärmeren ein Anrecht auf Unterstützung haben und nicht auf die gnädige Geste eines Herrn Jedermann angewiesen sind."

Abschließend erklärte Van der Bellen die Salzburger Festspiele für eröffnet. Heute Abend folgt in der Felsenreitschule die Eröffnungspremiere, Wolfgang Amadeus Mozarts "La Clemenza di Tito" unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis, Peter Sellars führt Regie. Österreich 1 überträgt den Opernabend live ab 18:30 Uhr.

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