Robert Menasse

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"Die Hauptstadt" von Robert Menasse

Seit Jahren weiß man: Robert Menasse arbeitet an einem großen Europa-Roman. Jetzt ist es soweit. In diesen Tagen kommt "Die Hauptstadt" in den Buchhandel. Viele Monate hat Menasse in Brüssel gelebt, er hat an Ort und Stelle recherchiert und wurde vom EU-Skeptiker zum begeisterten Europäer und international gefragten Europa-Experten. Bei zahlreichen Podiumsgesprächen, in Interviews und Essays hat er seine Gedanken zur europäischen Krise vorgetragen, nicht zuletzt in dem viel beachteten Band "Der Europäische Landbote".

Robert Menasse

"Das Babylonische ist das Charakteristische am Brüsseler Biotop", sagt der Autor im Gespräch mit
Kristina Pfoser

Morgenjournal, 5.9.2017

"Nicht nur ein meisterhaft erzählter Ideen- und Epochenroman, auch ein erhellendes und anregendes Lesevergnügen"
Kristina Pfoser

EU-Beamte als Romanhelden

Sind EU-Beamte literaturtauglich? Wenn man Robert Menasses Roman gelesen hat, dann ist die Frage eindeutig mit Ja zu beantworten. Aber der Reihe nach: "Da läuft ein Schwein" - mit diesem Satz beginnt der Roman und das Schwein ist denn auch ein Leitmotiv in dieser Geschichte. "Vom Glückschwein bis zur Drecksau kann man alle möglichen Phänomene, die es in unserem sozialen oder auch individuellen Leben gibt, mit einem Schwein in Verbindung bringen", erklärt Robert Menasse, und: In der Widersprüchlichkeit der Brüsseler Situation sei so ein universaler Kitt literarisch sehr brauchbar.

Buchumschlag

SUHRKAMP VERLAG

Schließlich sei das Schwein im EU-Jargon eine "Querschnittmaterie": Von der Zucht bis zum Export sind mehrere Generaldirektionen mit dem Thema beschäftigt - und das macht nicht zuletzt auch deutlich, wie die Institutionen der EU arbeiten und durch nationale Blockaden behindert werden. "Für mich war die Frage: Wenn es mir gelingt, zu begreifen, was da passiert, kann man das dann auch erzählen? ", sagt Robert Menasse.

Brüsseler Ränkespiele und eine Jubiläumsfeier

EU-Beamte und Think-Tank-Mitglieder, ein Auschwitz-Überlebender und ein Auftragskiller - das sind die Protagonisten dieses Romans. Was sie verbindet, das ist das "Jubilee Project", die Planung einer Jubiläumsfeier "50 Jahre Europäische Kommission" - eine Aktion zur Imagepolitur. Wir folgen sozusagen dem Aktenlauf und erleben dabei Brüssel nicht mehr als Bürokratie-Monster mit einem regelwütigen Beamten-Apparat, sondern sehen die Menschen dahinter, jene Menschen, die nicht zuletzt unsere Lebensrealität bestimmen. Menasse zeichnet diese Charaktere und ihre Ränkespiele in fein ziselierten Beobachtungen und pointierten Szenen.

Von der Finanz- zur Migrationskrise

Das Brüssel-Biotop kennt er schließlich genau. Monatelang ist er bei seinen Recherchen am Sitz der Europäischen Kommission im Berlaymont-Haus täglich ein- und ausgegangen. Das war 2010, also vor sieben Jahren, als die Finanzkrise und Griechenland das große Thema waren. "Auch wenn die Schlagzeilen heute andere sind, das Problem ist dasselbe", sagt Robert Menasse.

"Ob es um Flüchtlinge geht, um Migrations- und Asylpolitik, um Finanz-, Wirtschafts- oder Umweltpolitik - die Mechanismen und die Dynamiken, wie damit umgegangen wird, sind, solange die EU nicht reformiert wird, immer dieselben. D.h. wenn man begriffen hat, wie mit Griechenland umgegangen wird, kann man auch begreifen, warum die Verteilung der Flüchtlinge nicht klappt."

Die Idee einer nachnationalen Demokratie

Einige der Thesen, die Robert Menasse bereits in seinen Essays ausgebreitet hat, finden sich jetzt auch in dem Roman, transportiert von einem emeritierten österreichischen Professor, der im Brüsseler Think-Tank seine Idee einer nachnationalen Demokratie vorträgt: "Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik.

Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion - also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde", erklärt der Professor. Und Robert Menasse fügt hinzu: "Wenn die Nationalstaaten zusammenbrechen und untergehen, dann wird es Wehklagen geben, aber nur von Nationalisten. Wenn die EU scheitert, dann wird es Wehklagen von allen Seiten geben. Das ist die Alternative."

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