Eine Computertastatur

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Wenn "Dark Posts" im Netz die Wähler täuschen

Wie kaufen sich Parteien öffentliche Aufmerksamkeit? Inserate und Plakate haben in Wahlkampfzeiten Hochsaison – und zwar so sehr, dass vor einigen Jahren schon ein Kostenlimit für Wahlwerbung eingezogen worden ist - bei sieben Millionen Euro pro Partei. Während jede neue Plakatwelle von den Wahlkampfmanagern mit großem Getöse vorgestellt wird, wissen wir kaum, wie die Parteien in den Sozialen Netzwerken werben. Obwohl Facebook und YouTube immer wichtiger werden. Neu sind in Österreich verdeckte Postings der Parteien, wie man sie aus dem US-Wahlkampf kennt. "Dark Posts" heißen sie dort.

Wer in welcher Zeitung ein Inserat schaltet, das ist für jeden sichtbar. Wer hingegen im Netz wie genau wirbt, das bleibt im Verborgenen. Denn manche Postings der Parteien gehen bewusst nur an bestimmte Zielgruppen. Wer was zugespielt bekommt, kann man dann öffentlich nicht nachvollziehen. Die NEOS bekennen sich ganz klar zu diesen "Dark Posts". Studenten erhalten Facebook-Werbung zum Thema Hochschule und Bildung, Unternehmern werden Postings über Steuern und Lohnnebenkosten angezeigt. "Wir wollen nicht, dass die Timeline so voll ist", sagt Clemens Gaiger von den NEOS.

"Gesplittete Botschaften sind möglich"

Der Internet-Expertin und Journalistin Ingrid Brodnig fallen freilich noch ganz andere, weniger praktische und auch weniger lautere Beweggründe ein: "Es ist möglich, dass Parteien einem 18- bis 25-Jährigen komplett andere Dinge über das Pensionssystem erzählen als einem 65-Jährigen." Das sei eben nur über Dark Posts möglich, weil dadurch die eine Zielgruppe nichts über die Botschaften an die andere Zielgruppe weiß. Das sei die moderne Form der Werbung, sagt Brodnig. "Problematisch wird es dann, wenn wir als Öffentlichkeit nicht mehr wissen, was Parteien alles kommunizieren."

NEOS offensiv mit Zielgruppen-Postings

Auch ÖVP und FPÖ sagen, dass sie diese Form der Werbung im Internet nutzen, aber in geringerem Umfang als NEOS - zum Beispiel dafür, um manche Botschaften nur regional auszuspielen. Da gehe es etwa um die Ankündigung von Veranstaltungen. SPÖ und Grüne sagen, sie machten das nicht. Bei den Grünen ist nach deren Angaben immer jedes Posting auf der Facebook-Seite zu sehen. In der SPÖ betont man, dass "Dark Posts" im Sinne einer Beeinflussung bestimmter Zielgruppen durch spezifische Botschaften nicht verwendet würden.

Anonyme Fan-Seiten mit Geld für Werbung

Auch auffällig im österreichischen Wahlkampf sind anonyme Fan-Seiten: Die Facebook-Seite namens "Die Wahrheit über Sebastian Kurz" hetzt einerseits gegen Kurz, andererseits bewirbt sie aber auch seine Fans, erläutert Ingrid Brodnig: "Wer Kurz ein Like gegeben hat, der bekommt auch diese Seite eingeblendet und empfohlen. So wird versucht, mögliche Wähler von Sebastian Kurz zu erreichen und mit negativen Meldungen über den ÖVP-Obmann anzusprechen."

Diese Seite sei anonym, man wisse nicht, wer dahintersteckt, so Brodnig. "Und in dem Moment, wo eine Fan-Seite auf Facebook Geld in die Hand nimmt, um einen politischen Kandidaten niederzumachen, da steigt dann doch der Verdacht auf, dass eine gegnerische Partei dahinter stecken könnte."

FPÖ wirbt ganz massiv auf YouTube

Nicht versteckt, sondern ganz augenscheinlich ist in diesem Wahlkampf, dass die FPÖ massiv auf YouTube wirbt. FPÖ-Werbung findet sich vor vielen Videos, damit erreicht man junge Wähler. Für diese Arten von Werbung im Netz gibt es keine Offenlegungspflicht für Parteien. Ingrid Brodnig findet das problematisch: "Auf lange Sicht sollte es eine Transparenz-Pflicht geben. Einfach dass Parteien offenlegen, etwa binnen fünf Tagen, was sie geschaltet haben." Auch eine Software namens "Who targets me" kann helfen, sichtbar zu machen, wen welche Parteien im Visier haben. Das Programm kann man über den Internet-Browser Google Chrome hochladen.

Deutsche Wahl weniger auf Social Media

Das Social-Media-Match spielt sich in diesem Wahlkampf zwischen SPÖ, ÖVP und FPÖ ab. Im Gegensatz zur deutschen Bundestagswahl und den Kandidaten dort nutzen Österreichs Politiker Social Media stärker, um Wählerinnen und Wähler anzusprechen. In erster Linie natürlich die Spitzenkandidaten.

Die Internet-Expertin Ingrid Brodnig sagt, dass gut gemachte Botschaften auf Social Media bei der Wahl durchaus das Zünglein an der Waage sein könnten: "Ich kann mein Lager dazu bringen, dass sie umso überzeugter sind, wählen gehen zu müssen. Und ich kann im schlimmsten Fall auch mit Negative Campaigning einzelne Kandidaten schlechtmachen." Ein schmutziges Wahlkampffinale im Netz sei deshalb nicht auszuschließen, meint Brodnig.

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