Najem Wali

Philip Kojo Metz / Matthes & Seitz Berlin

Najem Walis neues Buch "Balkanroute"

Najem Wali ist einer der führenden Schriftsteller der arabischen Welt. Unter Saddam Husseins Regime wurde er ins Exil gezwungen, seit bald 40 Jahren lebt er in Deutschland. In seinen Romanen schreibt er über seine verlorene Heimat, über Krieg und Vertreibung, aber auch über einen schillernden Irak vor dem Krieg. Jetzt hat Najem Wali die Balkanroute bereist. In seinem Buch "Die Balkanroute - Fluch und Segen der Jahrtausende" erzählt er von seinen Eindrücken und Begegnungen und er zeichnet die Geschichte dieser Route über die Jahrhunderte nach.

Morgenjournal, 3.10.2017

Kristina Pfoser

"Das war damals nicht dramatisch"

Auf der so genannten Ostbalkanroute ist Najem Wali nach Deutschland geflohen. Mit dem Zug von Istanbul über Bulgarien, Jugoslawien, Ungarn bis nach Ostberlin. Das war im Jahr 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs. "Das war damals nicht dramatisch", erzählt er, "im Gegenteil. Ich habe damals auch ein paar Tage in Budapest Urlaub gemacht - dieser Fluchtweg war nicht wie heute." - Wie es heute ist, das hat Najem Wali 36 Jahre später erlebt. Im Frühling 2016 hat er sich auf den Weg gemacht.

Als Übersetzer in Idomeni

"Als ich die Bilder von Idomeni gesehen habe, habe ich gedacht, ich muss selbst sehen, was hier vorgeht", sagt Nahem Wali. "Ich habe meine Hilfe angeboten, vor allem als Übersetzer für syrische Frauen, die medizinische Hilfe brauchten. Es gab nur zwei Übersetzer aus dem Arabischen! Angeblich hatten sie viele Englisch-Übersetzer, aber was hilft das einer Frau, die ihre Krankheit auf Englische beschreiben soll."

Najem Wali berichtet von Krankheit und Elend, von beraubten und betrogenen Flüchtlingen, von einem Leben zwischen Verzweiflung und der Hoffnung, irgendwann das gelobte Land zu erreichen. "Um eine Deutung zu finden für das, was gerade geschieht, oder - zumindest seelisch - auf das vorbereitet zu sein, was in Zukunft unserer harrt, muss man zurückgehen", schreibt er in seinem Buch und das tut er denn auch.

Vom Propheten Abraham bis Hans Christian Andersen

Die Geschichte der Balkanroute - das ist nicht nur die Geschichte eines Fluchtkorridors. Najem Wali holt weit aus und erzählt vom Propheten Abraham, von den Mykenern und Babyloniern, den Griechen und den Persern, die hier unterwegs waren, er erinnert an die Kreuzzüge, an alte Handelswegen, militärische Unternehmungen und Weltenbummler wie Hans Christian Andersen.

Solange der Westen Waffen liefert …

"Die Balkanroute, ist nie dicht, sie war es nie und wird es nie sein", meint Najem Wali. "Dass sie geschlossen ist, sagen nur Politiker. Die Leute werden immer Umwege finden, egal wie viele Mauern man baut. Noch törichter ist nur, wenn man sagt, die Mittelmeerroute muss geschlossen werden. Wie schließt man ein Meer? - Fakt ist: Solange der Westen Waffen liefert, solange werden Kriege stattfinden und solange werden Flüchtlinge kommen."

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Najem Wali, "Die Balkanroute - Fluch und Segen der Jahrtausende", Matthes & Seitz
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