Budapest, 1962

ASSOCIATED PRESS

Attila Bartis' Roman "Das Ende"

Attila Bartis is back. Der 49-jährige ungarische Schriftsteller und Fotograf hatte 2005 mit "Die Ruhe" Furore gemacht. Jetzt präsentiert er auf der Buch Wien den Roman "Das Ende", an dem er 15 Jahre gearbeitet hat.

Entwicklungsroman aus der Ära Kádár

"Das Ende" ist ein großer Entwicklungsroman aus der Ära János Kádár in Ungarn. Der Protagonist András Szabad erzählt sein Leben: vom Erwachsenwerden in der Ära der Massenverhaftungen und Hinrichtungen nach der 56er-Revolution über die Jahre des Gulaschkommunismus bis zur Wende 1989. Mit Rückblenden in eine Kindheit, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs beginnt. 750 Seiten lang kippt man in die Atmosphäre einer Zeit, in der selbst Freunde und Verwandte Spitzel sein konnten. In der das Misstrauen, vor allem aber eine bleierne, graue Stimmung die Leute voneinander isolierte.

Mittagsjournal | 10 11 2017

Dorothee Frank

"Grau war damals die dominierende Farbe", erinnert sich Bartis. "Es herrschte graue Monotonie - selbst im familiären Zusammenleben; in den Plattenbauten, in den Arztpraxen, überall. Aber gerade in einer sehr grauen Zeit können paradoxerweise die Emotionen besonders heftig werden."

Buchcover

SUHRKAMP VERLAG

Traumatisierte Figuren, heiße Familienhöllen

In "Das Ende" können hinter jeder Ecke Tragödien warten. Der Vater von András Szabad geht nach der 56er-Revolution ins Gefängnis und kommt nach drei Jahren als ein Schatten seiner selbst heraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen in Osteuropa Gewalt und Terror ja fast nahtlos weiter. Sodass viele Menschen mehrfach traumatisiert wurden. Und je größer die Unfreiheit in einer Gesellschaft, desto heißer wird es in den Familienhöllen. Auch ein paar Mütter, die ihre Töchter fürs Leben kaputt machen, spuken durch den Roman. Auch wegen solcher Traumata zerreißt es die große, wilde Liebe zwischen András und der Pianistin Éva.

Bezug zum heutigen Ungarn

"Das Ende" ist ein Stück weit auch Literatur über das heutige Ungarn, weil es Altlasten an Verdrängtem und Verschwiegenem fassbar macht. "Die in den 90er Jahren geborene Generation weiß zu wenig über die Vergangenheit, weil das in den Familien zu wenig erzählt werde."

Umso leichter hat es die staatliche Propaganda gegen Migranten, gegen die EU und andere Feindbilder. Und das in einem Land mit wachsender Armutsquote und auf ein Minimum gekürzten Sozialleistungen.

"Heute wird man zwar anders als unter Kádár nicht mehr durch die Geheimpolizei verhaftet - aber die Leute werden auf andere Art zu Sklaven gemacht."

Roman über Fotografie

Der Ich-Erzähler in "Das Ende" von Attila Bartis erhöht dagegen seinen Handlungsspielraum. Er macht international Karriere als künstlerischer Fotograf. Der Roman ist neben vielem anderen eine literarische Reflexion über Fotografie. Und vollbringt das Kunststück, experimentelle Blickwinkel auf Erzählen und Erinnerung mit erotischer Aufladung und atemloser Spannung zu verbinden.

Heute um 15:30 Uhr tritt Attila Bartis nochmals bei der Buch Wien auf, am 22. November dann im Literaturhaus Salzburg.

Service

Attila Bartis, "Das Ende", Roman, aus dem Ungarischen von Terézia Mora, Suhrkamp; Originaltitel: "A vége"
Buch Wien – Attila Bartis am 10. November, 15:30 Uhr

Gestaltung

  • Dorothee Frank

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