Otto Grünmandl

ORF/WEGA FILM

Grünmandls Universum

Andreas Vitásek trifft im Ö1 Hörspiel auf seinen Altmeister Otto Grünmandl.

Es ist nicht gerade Alltagsbrauch, dass ein Kabarettist mit markanter Handschrift Texte eines Kollegen auf die Bühne bringt, der nicht minder herausragend war. Andreas Vitásek hat sich darauf eingelassen und für sein 19. Soloprogramm eine Montage von Kabarettszenen, Lyrik und Prosa Otto Grünmandls erstellt und gespielt. Und nun in eigenständige Hörspielform gebracht.

Kennengelernt hatten die beiden einander, als der Tiroler sein Soloprogramm "Ich heiße nicht Oblomow" in Wien spielte, und der Zuschauer Vitásek dem solitären Gedankenwunder Grünmandl verfiel: "Ich war sofort künstlerisch hin und weg und begeistert. Und habe dann einmal den Otto gefragt, ob er sich vorstellen kann, dass ich irgendwann den 'Oblomow' spielen kann. Und da hat der Otto, freundlich wie er war, zu mir gesagt: 'Wer, wenn nicht Du', und hat mir wirklich das Stück geschickt."

Andreas Vitasek

Andreas Vitásek

UDO LEITNER

Rückwärtsgewandte Schönfärberei

Es blieb beim Vorhaben Vitáseks. Aber nun ist er in seinem Solo "Grünmandl" zu sehen. Dessen Sohn Florian, der selbst Autor ist, animierte Vitásek, die Bühnenidee gemeinsam in Hörspielform zu bringen, was zu einer ganz eigenständigen Fassung führte: "Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers". Wo kommen wir da hin, wenn die Leute plötzlich beginnen, in den Spiegel zu schauen und dabei nachzudenken?

So lebt nun auch im Hörspiel ein alternder Künstler bis zu seinem mysteriösen Verschwinden auf der Bühne eines kleinen Theaters, das er zu seinem Wohnzimmer erklärt hat. Philosophiert über dieses und jenes, erinnert sich früherer Auftritte, nimmt gedankenschwere Fußbäder und kann sich nie zu wirklicher Tätigkeit entschließen. Lieber gibt er sich der rückwärtsgewandten Schönfärberei hin. Der Komiker sei kein Kitzler, sagt er. Seine Aufgabe bestehe vielmehr darin, das Publikum zu entspannen:

Ich kann Ihnen von Abenden erzählen, da hat man das Publikum am Ende der Vorstellung aufwecken müssen, so beruhigt habe ich es!

Mit spürbarem Behagen ist Andreas Vitásek im Studio der vielseitigen Arbeit Grünmandls begegnet. Er ist die verwinkelten Gedankengänge seines Vorbilds mitgegangen und hat seinen eigenen Stil in den Dienst des Kollegen gestellt: "Ich wollte mehr zeigen von Otto. Ich wollte eigentlich das Universum Grünmandls zeigen."

Verspielt ertastet er sich Grünmandls reichen Humor, auch dessen Melancholie. Und lässt auch dem skeptischen Sprachwitz der Texte seinen Raum. Und wenn man sich in Gesellschaft befindet, dann verstellt man sich ja immer. Dann ist man ja nie der, der man ist, nicht einmal der, der man sein will. Vitásek geht mit den Texten seines Vorbilds ebenso respektvoll wie selbstbewusst um: respektvoll, indem er ihn wörtlich belässt, selbstbewusst, weil er ihn seinem eigenen Stil anverwandelt.

Da erweist sich das Hörspielmikrofon als Prüfstein: "Die Möglichkeit, die man im Hörspiel hat, ist, noch ein bisschen intimer zu werden, ein bisschen tiefer einzudringen in die Texte. Ich fand, dass das eine ganz andere Arbeit war, die jetzt vielleicht zurückwirken wird auf das Bühnenprogramm."

Das Hörspiel "Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers" ist im ORF-Landesstudio Tirol entstanden. Dort also, wo die meisten Hörspiele des Tiroler Solitärs produziert wurden.

Ein Intellektueller ist ein Intellektueller. Ein Telektueller ist ein Mensch, der nicht nur säuft, sondern auch denkt. Ein Lektueller denkt über Dinge nach, leckt sie gewissermaßen gedankenmäßig ab. So intensiv denkt ein Tueller über die Dinge nach.

Die Art, wie ein alter Mime in Otto Grünmandls letztem Hörspiel "Die Gemüsefrau und der Schauspieler" seine Worte über das ständige Zer(r)denken eines Intellektuellen immer mehr ins hintersinnige Detail treibt, erinnert frappant an Andreas Vitáseks Arbeit am Mikrofon. Er kostet die Texte sorgsam aus. Die Aufnahmetage im Hörspielstudio sind variantenreich, in den Pausen wird oft über Grünmandl, seine Arbeit und die seines heutigen Interpreten gesprochen.

Vieles davon schlägt sich in den Aufnahmen nieder. Der Text gewinnt im bloßen Spiel der Stimme an Nuancen - bis hin zum Verschwinden des Komikers aus seinem Zimmertheater. Immer wieder staunt man, wie viele Schichten der Daseinsbetrachtung Otto Grünmandl unter den Firnis seiner Sätze gelegt hat. Und wie Vitásek auf Grünmandl trifft.

Text: Martin Sailer, Kulturredakteur im ORF-Landesstudio Tirol