Winkendes Kind im Astronautenkostüm inmitten von Kindern

2016 STUDIOCANAL GmbH

Wohlfühlkino "Wunder"

Vor fünf Jahren landete das Kinderbuch "Wunder" der amerikanischen Autorin R. J. Palacio auf der Bestsellerliste der "New York Times" und wurde dort als "denkwürdig" gepriesen. Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen folgten. Kein Wunder also, dass auch Hollywood auf die Außenseiter-Geschichte aufmerksam wurde.

Regie führte Stephen Chbosky, in den Hauptrollen sind unter anderem Julia Roberts und Owen Wilson als fürsorgliches Elternpaar zu sehen. Doch trotz seiner hoffnungsvollen Botschaft sorgte "Wunder" in den USA auch für Kritik. Heute startet Film in den österreichischen Kinos.

Morgenjournal | 26 01 2018

David Baldinger

Außenseiter im Hexenkessel Schule

Liebe, Rebellion oder das Außenseiterdasein. Darum geht es wenn in Hollywood die Pausenglocken läuten, und das College wieder einmal als symbolische Schule des Lebens dient. August "Auggie" Pullman gehört definitiv in die Kategorie "Außenseiter". Mit zehn Jahren hat er schon eine Vielzahl an Operationen hinter sich. Sein Gesicht ist deformiert. Kraniofaziale Fehlbildungen heißt das Syndrom, das im Hexenkessel Schule, bevölkert von politisch noch nicht korrigierten Kindern, als Einladung zu ungefilterten Beleidigungen dient.

"Entstellt", "verunstaltet", "deformiert" hallt es Auggie entgegen. Er wird als "Freak", "Monster" oder in Anlehnung an den Horrorfilm auch als "Freddy Krueger" beschimpft. Anfangs hilft Auggie noch ein "Star Wars"-Helm, um unter den Anfeindungen hinwegzutauchen, doch "Wunder" erzählt nicht die Geschichte eines geknickten Mauerblümchens, sondern die eines liebenswerten Kämpfers, der seinem Leben das ihm zustehende Scheibchen Glück abtrotzt.

Während Auggie mühsam erste Freundschaftsbänder knüpft, erfährt er die geballte Brutalität seiner weniger sensiblen Mitschüler. Regisseur Stephen Chbosky war vor allem von den Charakteren und ihrem vorbildlichen Einfühlungsvermögen beeindruckt. "Jeder einzelne Charakter im Film ist besonders. Man spürt sofort, wo sie im Leben stehen und welche Bedürfnisse sie haben - eine wundervolle Blaupause für Einfühlungsvermögen", schwärmt Chbosky vom Drehbuch, an dem auch die Autorin des ursprünglichen Romans, R. J. Palacio, mitgeschrieben hat.

Willkommen im Feel-Good-Amerika

Von der ersten Einstellung an ist der Feelgood-Faktor hier am Anschlag. Der Film berührt. Selbst wenn es Lebensweisheiten und Kalendersprüche regnet, und auch die auf Gefühlsduselei programmierte Musik das ihre zur Dauer-Massage der Tränendrüse beiträgt. Gut, dass geschickte Perspektivenwechseln die Story immer wieder davor bewahren, vor lauter Süße zu verkleben, etwa wenn die unter dem elterlichen Aufmerksamkeitsdefizit leidende Schwester von Auggie, Via, ins Zentrum rückt.

In diesem Wunder-Amerika schwärmen die Protagonisten für Literatur, sie gehen ins Theater und respektieren die Wissenschaft. In der Trump-Ära reicht diese schlichte Tatsache, um den Film zur alternativen Erzählung über ein "anderes" Amerika zu machen. Eines in dem Rabauken am Ende ihre Lektion lernen - und nicht im Oval Office sitzen. Alles wird gut, diese Botschaft leuchtet hier unübersehbar von der Leinwand.

Nachgeschmack

600.000 Menschen leiden alleine in den USA an ähnlichen Fehlbildungen. Es geht um Diversität und um Hoffnung, um Akzeptanz und Mitgefühl, sagen die Macher von "Wunder". Dass diese hoffnungsvolle Botschaft ausgerechnet von einem adretten jungen Schauspieler verkörpert wird, der Make-up und Prothesen tragen musste, um erst zum Außenseiter zu mutieren, sorgte in den USA aber auch für Unmut. Noch immer scheint in Hollywood die virtuose Verwandlung in einen benachteiligten Menschen mehr wert zu sein als authentisches Casting. Übrigens ist "Wunder" auch bei den diesjährigen Oscars nominiert - für das beste Make-up.

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