Günter Brus vor Fotos seiner Aktionen

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Günter Brus: Unruhe nach dem Sturm

Er verstümmelte sich selbst mit Rasierklingen, spazierte als lebendes Kunstwerk durch die Wiener Innenstadt und malträtierte den eigenen Körper bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Günter Brus gehört zu den prägenden Figuren des Wiener Aktionismus und gilt als Pionier der internationalen Body Art. Im September feiert der gebürtige Steirer seinen 80. Geburtstag. Das Belvedere 21 widmet ihm aus diesem Anlass eine große Retrospektive.

Morgenjournal | 01 02 2018

Christine Scheucher

Kulturjournal | 01 02 | Interview

Günter Brus im Gespräch über sein Lebenswerk

Eine Kunstaktion erschüttert die Republik. Wir schreiben das Jahr 1968. Am 7. Juni laden die Künstler Günter Brus, Peter Weibel, Otto Mühl, Oswald Wiener und Malte Olschewski zu einer politischen Aktion in den Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien. Dort masturbieren sie öffentlich, verrichten ihre Notdurft und singen die Bundeshymne.

Ein Skandal, der das bieder Nachkriegsösterreich bis aufs Mark erschüttert. Der Boulevard prägt den Begriff "Uni-Ferkelei". Der damals 29-jährige Künstler Günter Brus wird wegen der "Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole" angezeigt und schließlich zu sechs Monaten schweren Arrest verurteilt. Um der Strafe zu entgehen, flieht Brus nach Berlin.

Kunst und Revolte

Das gesellschaftspolitische Wendejahr 1968 fand in Österreich, so heißt es gemeinhin, im Feld der Kunst statt. Die Wiener Aktionisten, ein überschaubarer Kreis junger Künstler, folgen einem Impuls der 1960er Jahre: Die Kunst soll raus aus dem White Cube, raus aus dem Museum. Sie soll in den öffentlichen Raum ausstrahlen.

In den frühen 1960er Jahren versucht sich Günter Brus in der abstrakten Malerei und merkt bald, dass er eine Malerei entwickeln will, die den Rahmen sprengt: Zuerst malt er über den Rahmen hinaus und bemalt den Raum, der seine Bilder umgibt. Schließlich macht er den eigenen Körper zur Leinwand. 1965 spaziert Brus durch die Wiener Innenstadt - von Kopf bis Fuß weiß bemalt, ein schwarzer Strich teilt den Körper in zwei Hälften. "Zuerst habe ich den Strich der Leinwand auf den Körper übertragen und im nächsten Schritt habe ich den Strich durch die Klinge ersetzt und begonnen, mich selbst zu verletzen", so Günter Brus.

Wiener Spaziergang

LUDWIG HOFFENREICH

Günter Brus, "Wiener Spaziergang", 1965

Kunst und Trauma

Brus macht den Körper selbst zum eigentlichen Material seiner Kunst, bearbeitet ihn mit Rasierklingen, verstümmelt sich selbst und zeigt den Menschen in seiner ganzen Verletzlichkeit. Die Selbstverletzungen und Selbstverstümmelungen der Wiener Aktionisten wirken bis heute verstörend. Sind sie eine Reaktion auf das Kriegstrauma der Elterngeneration, die miterlebt hat, wie porös der Kulturfirnis ist? "Dieser Frage müssen sich Kritiker widmen", winkt Günter Brus ab, an Interpretationen seiner Körperkunst will er sich nicht beteiligen.

1970 findet Günter Brus letzte Aktion in München statt. Eine Aktion, die er nicht zufällig "Zerreißprobe" nennt. "Weiter hätte ich nicht gehen können. Ich habe nach der Münchner Aktion Skizzen angefertigt, die in den Extremaktionismus gegangen sind. Aus Rücksicht auf meine Familie habe ich von weiteren Aktionen abgesehen", sagt Günter Brus.

In den 1970er Jahren tauscht Günter Brus die Rasierklinge mit der feinen Klinge des Zeichenstifts und wendet sich verstärkt Bild-Dichtungen zu: Es sind Texte, die betrachtet und Bilder, die entziffert werden sollen. Wer die Retrospektive im Belvedere 21 besucht, wird auf den ersten Blick vielleicht einen Wiederspruch zwischen den fein ziselierte Zeichnungen und der fast brachialen Geste der frühen Aktionen wahrnehmen. Die Ausstellung, so Belvedere-Direktoren Stella Rollig, wolle aber eine Kontinuität zwischen der frühen und den späteren Schaffensperioden herausarbeiten.

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