Thomas Hennefeld über Protestanten einst und jetzt

"Hier stehe ich" - dieser Ausspruch von Martin Luther ist auch der Titel der Ausstellung zu 500 Jahre Reformation im Vorarlberg Museum. Thomas Hennefeld, evangelisch-reformierter Landessuperintendent über das Wesen des Protestantismus. - Gestaltung: Martin Gross

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders" soll Martin Luther vor dem Reichstag in Worms 1521 gesagt haben, als er es ablehnte, seine Schriften zu widerrufen. "Hier stehe ich" ist auch der Titel der Reformationsausstellung in Vorarlberg, die am 19. Mai im Vorarlberg Museum in Bregenz eröffnet wurde. Hier stehen sie nun: 19 lebensgroße Silhouetten evangelischer Persönlichkeiten aus Vorarlberg, Sie stehen nicht nur im Museum und in Kirchen sondern auch im öffentlichen Raum. Sie zeugen von der evangelischen Präsenz im Land von der Reformation bis ins 20. Jahrhundert. Unter ihnen befinden sich Reformatoren, Architekten, Erfinder, Künstler, Schriftsteller, Industrielle und Pädagogen. Sie alle prägten das Land. Es waren Migranten, Zuwanderer, Unternehmer. Sie kamen aus Deutschland, der Schweiz, aus Böhmen und aus Schottland.

Die Unternehmer investierten ihr Kapital, zogen damit auch die Arbeiterschaft an und hatten ein soziales Bewusstsein. Trotz oder gerade wegen ihrer erfolgreichen Tätigkeit wurden Evangelische oft angefeindet und als Fremdkörper empfunden. Der Erlass des Protestantenpatents von Kaiser Franz Joseph 1861, der die evangelischen Kirchen der römisch-katholischen Kirche rechtlich gleichstellte, führte zu einem Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung. Die Hetze gegen die Evangelischen erinnert an die Fremdenfeindlichkeit mancher Politikerinnen und Politiker heute.

So hieß es bei einer Protestaktion: "Die Protestanten dürfen also Kirchen bauen … es dürfen so viel als wollen in unser Land hereinkommen, dürfen sich die höchsten Stellen in der Gemeinde aneignen, um uns dann dafür zu knechten und zu benachteiligen und unsere Religion zu verspotten, dass sie das tun werden, lehrt die Erfahrung."

Heute leben evangelische und katholische Christen nicht nur friedlich miteinander, sie sind auch freundschaftlich und in verschiedenen Arbeitszweigen miteinander verbunden. Sie feiern ökumenische Gottesdienste, es gibt ein ökumenisches Bildungswerk und Caritas und Diakonie arbeiten zusammen. Heute sind die Evangelischen kein Feindbild mehr. Da sind andere an ihre Stelle getreten: Flüchtlinge, Roma und Sinti, Muslime und andere religiöse und ethnische Minderheiten. Evangelische Christinnen und Christen haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich für andere Minderheiten einzusetzen. Obwohl eine kleine Minderheit haben evangelische Christen Verantwortung übernommen, und übernehmen sie auch heute dort, wo sie stehen und leben.

Die Geschichte der Evangelischen oder Protestanten, also die, die für etwas einstehen, ist voll von Autoritätskritik und Widerstand. Es sind Menschen, die ihren Glauben offen und frei bekennen und mündig und eigenständig vertreten. Das zu sagen ist mir besonders wichtig, weil es auch das andere gab. Den Opportunismus und das Schweigen oder gar den Beifall in der Zeit des Naziterrors. Die Figuren evangelischer Persönlichkeiten im öffentlichen Raum zeigen auch, dass Religion nicht Privatsache ist und Kirchen und andere Religionsgemeinschaften zur Gesellschaft gehören. In einer Zeit, in der es vorwiegend um eigene Interessen und um Inszenierung geht, um Stimmenmaximierung, Machtgewinn und Machterhalt, stehen wir für eine solidarische Gesellschaft für Menschenrechte und für demokratische Strukturen, in der der Einzelne oder eine einzelne Partei nicht zu viel Macht auf sich vereinen darf.

Freiheit und Verantwortung ist das Motto des Reformationsjubiläums und meint, aus der Freiheit zu leben und Verantwortung zu übernehmen, vor allem für Schwache, an den Rand gedrängte, Fremde und Flüchtlinge, eine Forderung, die schon in der Bibel an vielen Stellen auftaucht.

Hier stehe ich. Das sagen Menschen mit Haltung und in aller Freiheit. Freiheit, die sich Protestanten in der Vergangenheit genommen haben und auch heute noch nehmen. Für die Menschen und für die Gesellschaft.

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