Michael Bünker über die Sprengkraft der 95 Thesen

"Der Funken an der Lunte". Aus Anlass des Reformationsjubiläums und wegen ihrer erstaunlichen Aktualität lohnt es sich, noch 500 Jahre später einen Blick auf die "95 Thesen" zu werfen, meint Michael Bünker, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Als Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, konnte er gar nicht wissen, war für ein wohl durchdachtes religiös-wirtschaftlich-politisches Geflecht hinter diesem sogenannten Petersablass steckte.

Offiziell ging es um die Finanzierung des Neubaus der Peterskirche in Rom. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Denn Albrecht von Brandenburg war Erzbischof von Magdeburg und musste, um zusätzlich Erzbischof von Mainz werden zu können, der Kurie einen kostspieligen Dispens, auf gut Deutsch Schmiergeld zahlen. Dafür nahm er sich einen Kredit beim Bankhaus Fugger in Augsburg über sagenhafte 50 000 Gulden und kam mit dem Papst überein, dass die Hälfte der Einnahmen aus dem Ablassgeschäft für die Rückzahlung seiner Schulden verwendet werden können. Mit einem Schlag wäre er seine Geldsorgen los gewesen! Um den Erfolg des Unternehmens zu sichern, beauftragte er den erfahrenen Dominikaner Johannes Tetzel mit der Durchführung der Kampagne.

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt. Das war einer der einträglichen Werbesprüche. Aber es ist typisch für die frühkapitalistische Verquickung von religiösen, wirtschaftlichen und politischen Interessen, dass mit dem Geld im Kasten auch das Bankhaus Fugger gut verdienen konnte und die Macht des Fürsterzbischofs gefestigt wurde. Dieses Geflecht hatte schon vor Luther massive Kritik gefunden und in einigen Gegenden Europas ließen sich kostspielige kirchliche Bauvorhaben nicht mehr über Ablässe finanzieren. Ein lukratives Geschäft war ins Wanken gekommen und durch Luthers Auftreten kam es zum Einsturz. Er begnügte sich nicht bloß mit Kritik an Äußerlichkeiten, sondern bestand ganz grundsätzlich auf der Eigenständigkeit der Religion und befreite sie so von politischer Instrumentalisierung und wirtschaftlicher Vernutzung. Und umgekehrt sollten Wirtschaft und Politik von kirchlicher Bevormundung und religiöser Legitimation befreit werden. Das sind erste Ansätze zur Entwicklung einer differenzierten modernen Gesellschaft.

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Ö1-Archiv: 500 Jahre Reformation

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Komponist/Komponistin: Maurice Ravel/1875 - 1937
Album: RAVEL: DAS KLAVIERWERK Vol.2
* Nr.1 Noctuelles (00:04:29)
Titel: Miroirs - Suite für Klavier
Anderssprachiger Titel: Spiegelbilder
Solist/Solistin: Begona Uriarte Mrongovius /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: Wergo 60160-50

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