Krank hinter schwedischen Gardinen

Häfnmedizin - Herausforderung für das medizinische Personal

Bedingt, unbedingt, lebenslang - umso höher die Strafe, desto wirksamer die Schlagzeile.
Derzeit ist das Interesse an Gerichtsverfahren in Österreich besonders groß - Stichwort: "Buwog"-Prozess.

Krank hinter den dicksten Mauern Österreichs

Eines ist klar: Je länger eine Gefängnisstrafe dauert - desto höher das Risiko, dass die Verurteilten krank oder pflegebedürftig werden. Zudem sind unter Häftlingen HIV-Infektionen, Virus-bedingte Leberentzündungen, Tuberkulose, sexuell übertragbare Krankheiten, Suizide, Selbstschädigungen, Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen deutlich häufiger als in der übrigen Bevölkerung.
Die Therapie dieser Erkrankungsbilder stellt das medizinische Personal in Haftanstalten vor große Herausforderungen.

Verbrechen begehen und trotzdem unschuldig...

Eine Frage, die sich Laien immer wieder stellen: Wie findet ein Gutachter heraus, ob eine Person tatsächlich ein Verbrechen begangen hat, weil "es ihr Stimmen befohlen haben".
Dr. Alexander Dvorak ist Leiter des Betreuungsbereiches und des psychiatrischen Dienstes der Justizanstalt Göllersdorf: "Stimmen-Hören tritt selten isoliert auf. Das dazugehörige Syndrom ist in den meisten Fällen eine Schizophrenie. Bei dieser Erkrankung ändert sich der Gefühlsausdruck, das gesamte Erleben, und es gibt auch so gewisse Vorsymptome, Entwicklungen, an denen kann man es feststellen."

Hoher Aufwand

Etwa 9.000 Personen befinden sich derzeit in Österreich hinter Gittern. Diese Zahl schwankte in den vergangenen Jahren nur geringfügig. Generell gilt das Äquivalenzprinzip: Das bedeutet: Häftlingen wird dieselbe medizinische Versorgung geboten, wie sie Personen in Freiheit haben.
Rund 80 Millionen Euro betragen die Kosten für die Behandlung kranker Häftlinge.
Dazu Mag.a Dr.in Margit Winterleitner, Chefärztin der Generaldirektion für Strafvollzug im Bundesministerium für Justiz: "Wir werden durch die Volksanwaltschaft kontrolliert, und aufgrund dieser Forderungen sind die Häftlinge in Österreich zum Teil schon überversorgt. Während sie draußen auf einen Termin beim Facharzt würden warten müssen, so gibt es bei uns fast keine Wartezeiten."

Zu wenig Personal

Der allgemeine Ärztemangel betrifft auch die Haftanstalten. Dazu gehen viele ältere Ärzte in Pension. Neue Konzepte müssen gefunden werden. Laut Chefärztin Margit Winterleitner, war es bisher so, "dass man geschaut hat, dass für die ärztlichen Kollegen die Arbeit in der Justiz nur ein Nebenberuf ist. Wir werden jetzt umsteigen und die Ärzte hauptberuflich bei uns beschäftigen und dadurch auch selber ausbilden."

Kriminalitätsrate steigt nicht an

Zwar ist die Zahl der Verurteilten in den normalen Haftanstalten stabil - im Maßnahmenvollzug allerdings gibt es eine deutliche Steigerung.
Der Kriminologe Univ.-Prof. Dr. Mag. Wolfgang Gratz. "Die Gründe dafür sind, dass das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung gestiegen ist und die Risikofreudigkeit bei Sachverständigen und Richtern abgenommen hat. Es werden z.B. in einem deutlich höheren Ausmaß Personen mit Delikten wie ‚gefährliche Drohung' und ‚Widerstand gegen die Staatsgewalt' eingewiesen, während das früher vor allem Personen waren, mit ‚hands-on' Delikten, also schwere Körperverletzung, Mordversuch, Mord."

Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Andreas Maurer.
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

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Service

Mag.a Dr.in Margit Winterleitner, Chefärztin der Generaldirektion für Strafvollzug im Bundesministerium für Justiz
Dr. Alexander Dvorak, Leiter des Betreuungsbereiches und des psychiatrischen Dienstes der Justizanstalt Göllersdorf
a.o. Univ.-Prof. Dr. Mag. Wolfgang Gratz, Kriminologe

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