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Leporello

Dienstag
07. Juni 2011
07:52

Zwischen Feldkirch und "Elserground". James Joyce in Österreich. Gestaltung: Franziska Dorau, Moderation: Christa Eder, Regie: Anna Soucek

Am 16. Juni ist es wieder so weit - weltweit wird jener Tag gefeiert, an dem die Romanfigur Leopold Bloom, ein Dubliner Annoncenakquisiteur, in einem knapp 24-stündigen Bewusstseinsstrom den modernen Gegenentwurf zu Homers "Odyssee" durchlebt. Als Protagonist des "Ulysses" ging er in die Geschichte der Weltliteratur ein.

Dass Blooms Schöpfer, der irische Schriftsteller James Joyce, einen bedeutenden Teil seines Lebens in den altösterreichischen Adriahäfen Triest und Pula zubrachte, ist literarisch Interessierten seit langem bekannt. Nun werden auch Joyces weniger gut dokumentierte Aufenthalte im heutigen Österreich ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Fotoschau "James Joyce in Österreich" wird heute Abend in der Volkshochschule Hietzing eröffnet - zusammengestellt wurde sie von Andreas Weigel.

Der Dichter und Österreich

Bregenz, Feldkirch, Salzburg. Erste Hinweise darauf, dass sich der Meister des experimentellen Romans wiederholt in Feldkirch in Vorarlberg aufgehalten hatte, fanden sich, so der Germanist, in Richard Ellmanns wegweisender Joyce-Biografie. Weigel, selbst in Feldkirch aufgewachsen, hatte zuvor davon noch nie gehört. Die Ortsangaben ließen allerdings keinen Zweifel. "Darüber hinaus hieß es, dass Joyce seinem Freund Eugene Jolas erklärt habe, dass sich am Bahnhof Feldkirch im Jahr 1915 das Schicksal des 'Ulysses' entschieden haben soll." Das habe ihn natürlich neugierig gemacht, so Weigel.

Im Juni 1915, einen Monat nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn, versuchte James Joyce, von Triest aus, in die neutrale Schweiz zu gelangen. Als Ire mit britischem Pass galt er jedoch als Kriegsgegner. Trotz zahlreicher Empfehlungsschreiben und Bürgschaften, die ihm seine einflussreichen Sprachschüler und Triestiner Autoritäten ausgestellt hatten, entging er an der österreichisch-schweizerischen Grenze nur um Haaresbreite der Verhaftung. "Der berühmte Satz, dass das Schicksal des 'Ulysses' am Bahnhof Feldkirch entschieden wurde, ist wahrscheinlich dahingehend zu verstehen, dass er nicht von seiner Familie getrennt wurde."

Schicksalhaftes Ereignis

Als Joyce 1932, 17 Jahre später, erneut in Feldkirch war, soll er in einem kleinen Ritual auf dem Feldkircher Bahnhof des entscheidenden Moments gedacht haben. Jeden Abend um halb acht, wenn der Wien-Paris-Express für zehn Minuten in der vorarlbergischen Grenzstadt hielt, spazierte der erblindende James Joyce auf dem Bahnsteig auf und ab, befühlte mit den Fingern die auf den Waggons prangenden Buchstaben - und winkte schließlich dem abfahrenden Zug freundschaftlich hinterher.

In Feldkirch schrieb er übrigens an seinem herausfordernden Spätwerk "Finnegans Wake", in dessen Kapitel mit dem Titel "Haveth Childers Everywhere" sich zahlreiche Anspielungen auf Geschichte und Topografie der Stadt Wien finden. Bereist habe Joyce, so Andreas Weigel, die österreichische Hauptstadt jedoch nie.

Wie die Hapspurus in "Finnegans Wake" kamen

Zur Entstehungsgeschichte berichtet Weigel, dass Joyce 30 Städte ausgewählt hatte, darunter auch Wien und sich von Stuart Gilbert das entsprechende Kapitel der Encyclopedia Britannica habe vorlesen lassen. Und immer, wenn ihm ein Wort verwertbar vorkam, in seinen Erzählkontext passte, hatte er das notiert. So kommt es, dass in diesem Kapitel ein gutes Dutzend Anspielungen zu finden sind: von "elserground" über "Ring", "Stock of Eisen", bis "Marryonn Teheresiann", "glorietta's" und "wrake of the hapspurus".

Seit über zehn Jahren erforscht Andreas Weigel die rot-weiß-roten Flecken in James Joyces Leben und Werk. Rund dreißig auf der ganzen Welt verstreute Fotografien und Dokumente hat er für die Bloomsday-Fotoausstellung in der VHS Hietzing zusammengetragen und analysiert.

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