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matrix - computer & neue medien

Sonntag
14. Oktober 2012
22:30

Cyborgs, Cyberfeminists und Geek Girls. Wie männlich ist die Netzkultur?
Gestaltung: Ulla Ebner

Mit dem Web 2.0 sollte alles anders werden: Das Netz hat eine demokratische Struktur, in der digitalen Welt zählt jeder gleichviel, Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht spielen keine Rolle. Soweit die optimistischen Visionen. Doch ist das tatsächlich so?

Nein, sagen Feministinnen: In der Netzkultur gelten ganz ähnliche Geschlechter-Hierarchien, wie in der Offline-Welt. Daran wollen Netzfeministinnen etwas ändern. Sie nutzen Kommunikationstechnologien zur Verbreitung feministischer Ideen und setzen sich kritisch mit Geschlechteridentitäten im Cyberspace auseinander. Die Anfänge des Cyberfeminismus sind in der Kunstwelt der 1990er-Jahre zu finden.

Cyberfeminismus ist keine Nudelsauce

"Cyberfeminismus ist kein grünes Häkeldeckchen, Cyberfeminismus ist kein leerer Kühlschrank, cyberfeminism is not lady.like" – So lauten drei der 100 Antithesen zum Cyberfeminismus, verfasst vom Old Boys Network. Der Name der Gruppe wirkt trügerisch, denn dahinter verbirgt sich eine Gruppe von technik-affinen Künstlerinnen, die 1997 auf der Documenta in Kassel die Erste Cyberfeministische Internationale organisiert hat.

Inspiriert waren die frühen Cyberfeministinnen von der US-amerikanischen Evolutionsbiologin Donna Haraway. In ihrem 1985 publizierten Cyborg Manifest entwirft Haraway die Science-Fiction-Vision einer Gesellschaft, in der menschliche Körper und Maschinen verschmelzen. Technologie verändert sogar die Reproduktion – sprich: die Geburt von Nachkommen ist losgelöst vom menschlichen Körper. Das, was Jahrtausendelang die gesellschaftliche Rolle der Frau bestimmt hat, ist plötzlich bedeutungslos.

Hat mein Ich 2.0 ein Geschlecht?

Von einer "Post-Gender-Welt“ sprach Donna Haraway in ihrem Cyborg-Manifest, also einer Welt, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Als eine solche wurde zunächst das Internet angesehen. Spätestens seit den sozialen Netzwerken haben wir ja nicht nur eine Offline- sondern auch eine digitale Identität.

Mindestens eine. Denn das Ich 2.0 kann eine multiple Persönlichkeit sein. Mein Alter Ego im Online-Rollenspiel World of Warcraft ist vielleicht ein übellauniger Zwerg namens Willibald, in der Online-Single-Börse bin ich Partymäuschen Susi, die immer gut drauf ist, im Politikforum poste ich ganz seriös unter "Postingname39“. Mein virtuelles Ich hat keinen Körper. Hat mein virtuelles Ich ein Geschlecht?

Ja, sagt Judith Schossböck, Wissenschaftlerin am Institut für eGovernance an der Donau-Universität Krems. Denn im Internet geht die Tendenz immer mehr in Richtung Klarnamen: "Du meldest dich in einem Social Network an und schon musst du angeben, ob du männlich oder weiblich bist.“ Je weniger wir im Netz anonym sind, desto weniger sind wir geschlechtsneutral.

In punkto sexueller Diskriminierung unterscheide sich die virtuelle Welt kaum von der Offline-Welt, meint die deutsche Bloggerin Helga Hansen vom Bloggerinnen-Kollektiv Mädchenmannschaft. Da wie dort gebe es Räume, wo sexistische Äußerungen salonfähig seien und andere, wo eben nicht. Nur, werden die Räume im Netz und die jeweiligen Spielregeln gerade erst festgelegt.

Maskulinisten und andere Trolle

Früher oder später werden die meisten Frauen, die im Netz feministische Inhalte verbreiten, von Hasspostern belästigt. Der Künstlerin Stefanie Wuschitz – Gründerin des feministischen Hackerspaces Miss Baltazars Laboratory - wurde der Facebook-Account gehackt und mit derben Inhalten verunstaltet. Die feministische Bloggerinnen Brigitte Theißl, alias Denkwerkstatt, hat via E-Mail Morddrohungen erhalten sowie Vergewaltigungsdrohungen mit ganz expliziten Beschreibungen. Die Löschquote von unflätigen Postings in den Diskussionsforen auf dieStandard.at ist zwei bis dreimal so hoch wie die Löschquote auf derStandard.at, bestätigt dieStandard-Chefin Ina Freudenschuss.

Eine im Juni dieses Jahres erschienene Studie der deutschen Heinrich Böll-Stiftung hat die Online-Mobilisierung der neuen radikalen Männerrechtsbewegung untersucht. Meist handelt es sich um "Lifestyle-Machos“ aus dem rechten Lager, die sich als Opfer der Emanzipation sehen.

Der Autor der Studie - Hinrich Rosenbrock - wurde danach selbst im Internet gemobbt. Doch, was tun dagegen? Die Hassmails kommen für gewöhnlich von anonymen Re-mailern, die Polizei ist machtlos. Manche Bloggerinnen geben zermürbt auf, andere gehen im Netz in die Offensive. Die Betreiberinnen der Seite hatr.org setzen auf das öffentliche Bloßstellen. Sie sammeln widerwärtige Postings mit sexistischen oder rassistischem Inhalt. Aber Warnung: Für diese Seite braucht man einen wirklich guten Magen.

Post-Gender war Gestern

Eine politische Gruppierung, die direkt aus der Netzkultur entstanden ist, sind die Piraten. Sie haben vor einigen Jahren das Post-Gender-Konzept der Donna Haraway aufgegriffen. Feminismus sei überholt, sagten die Piratenmänner, bei ihnen spiele Geschlecht keine Rolle mehr.

Und doch blieben die männlichen Nerds mehr oder weniger unter sich am Piratenschiff. Das brachte ihnen viel Kritik von Feministinnen ein. "Post-Gender sind wir dann im Post-Patriarchat“, konterten sie. In der Praxis diente das Post-Gender Argument den Piratenmännern nur allzu oft als Ausrede, um sich überhaupt nicht mit diesem Thema auseinandersetzen zu müssen, räumt auch Franz Fuchs ein, Gender-Experte der österreichischen Piratenpartei. Er hält es für wichtig, die Ursachen der Ungleichheit zu hinterfragen.

In den letzten ein bis zwei Jahren habe sich in der Piratenpartei einiges getan, betont die deutsche Piratin und Expertin für Open Government, Anke Domscheit-Berg. Der sogenannte "Kegelklub“, eine Art Piratinnen-Stammtisch trifft sich in Deutschland regelmäßig, um über feministische Themen zu diskutieren. "Heute sagt kaum mehr ein Pirat, er sei Post-Gender“, betont Domscheit-Berg.

Dabei sind sich die meisten Feministinnen mit den Piraten zumindest in dem Punkt einig: Eine Gesellschaft, in der es keinerlei geschlechtsspezifische Diskriminierung mehr gibt, wäre das Ziel. Die Preisfrage ist nur: Wie gelangen wir dorthin?

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