Standort: oe1.ORF.at

Musik

Wien Modern 2012 live

Freitag
16. November 2012
19:30

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister.
Bruno Maderna: Quadrivium
Pierre Boulez: Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in 8 Gruppen (1974(75) (Übertragung aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien in Dolby Digital 5.1 Surround Sound). Präsentation: Christian Scheib

Aufbruch und Suche

Sie sind um die Mitte der 1950er Jahre gute Freunde: Bruno Maderna, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, John Cage. Man dirigiert wechselseitig die Musik der anderen, manchmal auch gemeinsam, wie bei der Uraufführung von Stockhausens Gruppen für Orchester 1958, an der neben dem Komponisten Stockhausen selbst auch Boulez und Maderna als die drei dafür erforderlichen Dirigenten mitwirken.

1961 dirigiert Bruno Maderna die mit Stinkbomben gestörte und von der Venedig-Biennale aus dennoch live im Radio übertragene Uraufführung von Nonos Intolleranza. Man unterrichtet gemeinsam in Darmstadt, entwirft Manifeste und überwirft sich darüber. Rituel in memoriam Bruno Maderna von Pierre Boulez entsteht 1974 als eine Hommage und Erinnerung an die Energie, den Aufbruch, den Kampfgeist für eine zukünftige Musik für eine bessere Gesellschaft, die Klangsuche, die Raumöffnung, die Musikalität dieser Jahre, wie sie von Bruno Maderna exemplarisch verkörpert worden waren.

Das kurz zuvor entstandene Werk Quadrivium von Bruno Maderna repräsentiert wie kaum ein anderes den Aufbruch in den musikalischen und gedanklichen Raum und in ungewohnte Freiheiten des Musizierens und Improvisierens mit einem ganzen Orchester.

Ein plötzlicher Verlust

Maderna erkrankt und stirbt im November 1973. Der Schock unter den Freunden und in der Musikwelt sitzt tief, den wahrscheinlich kommunikativsten und bestvernetzten - um es in heutigen Worten zu sagen - Kollegen überraschend verloren zu haben, einen fantasievollen, eigenständigen, charismatischen Musikerfinder, der in seiner Offenherzigkeit ein so strenger Konzeptionist wie kulinarischer Hedonist gewesen war.

Auch Pierre Boulez ist getroffen und gießt seine Erschütterung in das eben entstehende Werk. Es wird ein Trauerritual perkussiver Beschwörung, schon die räumlich gedachte Aufteilung der acht Instrumentengruppen mit je einem Schlagzeuger auf der Bühne ist eine Hommage an den so betont klangräumlich denkenden Bruno Maderna.

Rituel in memoriam Bruno Maderna

Rituale erfordern Wiederholungen, und so wird Rituel in memoriam Bruno Maderna für acht Orchestergruppen das wahrscheinlich am meisten mit Repetition von Klangschichtungen spielende Werk von Pierre Boulez. Zugleich ist es aber auch eines der rhythmisch offensten mit den in ihrer jeweiligen Zeit weiträumig voneinander unabhängigen Orchestergruppen.

Das Kleinteilige von Klängen, Motiven, Themen mit dem Weiträumigen des gesamten Werks zu verknüpfen, ist eine grundlegende Konstante des Komponierens, aber seit die europäische Musik die vorgegebenen Formen hinter sich gelassen hatte, musste gewissermaßen für jedes Werk eine Form gefunden werden, solcherart, dass aus genau diesem Verhältnis von Mikro- und Makrostruktur die erzählerische Kraft der Musik erwachsen kann.

Quadrivium

Systemisches Denken ist Bruno Maderna, der seit den späten 1940er Jahren zwölftönig konzipiert und in den 50er Jahren zu den Mitentwicklern serieller Kompositionstechniken zählt, gut vertraut. Aber anders als beispielsweise Boulez beginnt Maderna die Strenge dieses Denkens mit einer ästhetischen Haltung der formalen Beweglichkeit und Offenheit zu verknüpfen.

In Quadrivium übernehmen vier Schlagzeuger solistische Parts und eröffnen das Stück. Mit dem Einsatz mehrerer Orchestergruppen beginnt dann das Wechselspiel zwischen präzise notierten Passagen und jenen Teilen, die dem Dirigenten wie auch den Musiker/innen graduelle Freiheiten zusprechen und quasi-improvisatorisches Musizieren herausfordern.

Musikalische Energie ballt sich langsam zusammen, verästelt sich in mehrere Schichten, lässt permanent dieses Spannungsfeld zwischen Strenge und Freiheit, zwischen Konstruktivem und Expressivem spüren, anders gesagt: zwischen Konzeptionellem und Klanglichen. Wie aus dem Nichts beginnt die Musik mit vier Schlagzeugern, wie ins Nichts löst sich die Musik mit hohen Streicherklängen nach einer knappen halben Stunde wieder auf - zumindest in der von Bruno Maderna selbst dirigierten Version des Werks mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, die 1972 entstanden und auf der ORF-CD "Bruno Maderna dirigiert" nachzuhören ist.

Wie ernst es Bruno Maderna mit dem Thematisieren dieser Spannungsfelder aus Konzeption, Theorie und Kunst ist, macht der Komponist schon mit dem Titel deutlich: Die Zahl 4 im Quadrivium meint ja nicht einfach die vier solistischen Schlagzeuger, sondern umgekehrt - das Quadrivium und die sich daraus ableitende zahl Vier, die sich in der Besetzung spiegelt, sind vier der "septem artes liberales", nämlich Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.

Korrespondenzen

1973 stirbt Bruno Maderna. 1974 komponiert Pierre Boulez sein Rituel in memoriam Bruno Maderna. Auch wenn es keine verbalen Zeugnisse oder aus thematischen Partiturdetails herauslesbare Bezüge zwischen diesen beiden Kompositionen - Rituel und Quadrivium - gibt, sind doch das Fortspinnen von Orchestergruppen im Wechselspiel mit Schlagzeug einerseits, das in das Stück Hineinkomponieren räumlicher Wirkungen andererseits unüberhörbare Korrespondenzen zwischen diesen beiden Werken.

Heutzutage fasziniert an großen Werken wie Pierre Boulez‘ Rituel, Bruno Madernas Quadrivium oder auch Luigi Nonos Canto Sospeso und Luciano Berios Epiphanies nicht mehr nur die Kraft des zu Zeiten der Uraufführung als radikal Empfundenen, sondern mindestens ebenso eine beinah gegenläufige Rezeptionshaltung: Wie sehr diese Komponisten in ihrer Radikalität zugleich auch in der Musikgeschichte ruhen und sie geschichtsbewusst fortschreiben, als große symphonische und oratorienhafte Formen, beruhend auf der jahrhundertelang in Europa immer wieder und immer weiter ausgereizten Polarität von Konstruktion und Expression.

Gestaltung: Christian Scheib · zur Sendereihe

Musik

Programm

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick