Höhenflug der Graphic Novels

Der US-amerikanische Journalist Joe Sacco hat eine neues Comic-Genre erfunden: die Comic-Reportage. Mit Comics, die alles andere als zum Lachen sind, erzählt er vom Bosnienkrieg und aus Palästina.

Kultur aktuell, 25.01.2011

Zu den jüngsten Phänomenen auf dem Buchmarkt zählt der Höhenflug der Graphic Novels. Mit den lustigen Geschichten rund um den Entenhausener Familienclan haben diese Comic-Bücher aber nur mehr wenig zu tun. Was da in Bildgeschichten abgehandelt wird, ist nämlich hochseriös und mitunter schwere Kost. Literaturklassiker wie Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" feiern da genauso ihre gezeichnete Wiederauferstehung wie das Tagebuch der Anne Frank.

Der Amerikaner Joe Sacco hat sogar ein neues Genre begründet: Die Comic-Reportage. Er hat die Krisenherde der Erde besucht und seine Erlebnisse zeichnerisch festgehalten.

Nächtliche Hinrichtungen

Dass Comics nicht komisch sein müssen, wird einem bei Joe Saccos Büchern schon nach wenigen Seiten klar. In seinem Band über den Bosnien-Krieg sieht man da das völlig zerbombte Gorazde, man sieht die katastrophalen Zustände im örtlichen Krankenhaus und nächtliche Hinrichtungen auf der Drina-Brücke.

"Wenn man zeichnet, bedeutet das eine große Verantwortung", betont Joe Sacco. "Beim Fotografieren muss man das Glück haben, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, beim Zeichnen lässt sich diese Situation aber herstellen. Es geht darum, die Essenz des jeweiligen Moments zu erfassen und dem Bild die größtmögliche Kraft zu geben."

Im zerbombten Gorazde

1995, im letzten Jahr des Bosnien-Kriegs, hat Sacco das seit Jahren eingekesselte Gorazde besucht und zahlreiche Interviews geführt. Augenzeugenberichte über die Kriegsgräuel reihen sich da aneinander, dann ist wieder Sacco selbst zu sehen, wie er durch die zerbombten Straßenzüge streift. Schließlich werden auch die historischen Voraussetzungen und die Schlüsselereignisse des Bosnienkriegs aufgearbeitet.

Dabei berichtet Sacco aus der Sicht der belagerten Bosnier: "Für meine Begriffe wird in der journalistischen Arbeit zu viel Gewicht darauf gelegt, ein so genanntes objektives Bild zu liefern. Wenn man mit jemandem gesprochen hat, muss man anschließend sofort eine Gegenstimme einholen. Dieses Ausbalancieren der Meinungen kommt für mich aber oft einem Verwaschen dieser Meinungen gleich. Was der Journalist empfindet, geht dabei verloren. Ich will von einem Journalisten aber das hören, was er mir unter vier Augen bei einem Abendessen erzählen würde."

Journalistische Ader

Sacco hat selbst in den USA Journalismus studiert, sich nach seinem Abschluss aber ganz aufs Zeichnen verlegt. Als Mitarbeiter eines Comic-Verlags ging er nach Los Angeles, wo er auch ein satirisches Comic-Magazin gründete. Anfang der 1990er-Jahre erfolgte dann der Umzug nach Europa. Joe Sacco: "Ich war damals besonders an den Vorgängen im Nahen Osten interessiert und weil ich gerade in Berlin lebte und damit für einen Amerikaner verhältnismäßig nahe am Geschehen dran war, beschloss ich eines Tages hinunterzufliegen und mir die Situation anzusehen. Das war 1991 und damals hatte ich überhaupt nicht vor, Reportagen in Comic-Form zu machen. Ich kam ja eher aus der Tradition autobiografischer Comics und wollte einfach meine Erlebnisse in Palästina zeichnen. Als ich dann aber begann, vor Ort Interviews zu führen, hat sich meine journalistische Ader plötzlich wieder zu Wort gemeldet."

Aus palästinensischer Sicht

Damals beschrieb Sacco den Nahostkonflikt aus den Augen der Palästinenser. Die Region und ihre Geschichte haben ihn aber seit damals nicht mehr los gelassen. Als ihm Gerüchte von Massenmorden zu Ohren kamen, die 1956 vom israelischen Militär an der palästinensischen Zivilbevölkerung begangen worden sein sollten, begann Sacco die Sache eingehend zu recherchieren.

Wieder besuchte er den Gaza-Streifen und führte endlose Gespräche mit Angehörigen der damaligen Opfer. Joe Sacco: "Die ersten Monate nach meiner Rückkehr habe ich dann mit dem Ordnen meiner Notizen und dem Schreiben verbracht. Danach machte ich mich ans Zeichnen. Insgesamt hat die Arbeit an dem Buch sechseinhalb Jahre gedauert. Ich arbeite ganz altmodisch mit Feder und Tuschefass, alles entsteht von Hand und ohne Computer. Für eine Seite brauche ich deshalb im Durchschnitt auch zweieinhalb Tage."

Gründliche Aufarbeitung

Dort, wo Kriege aus dem Kurzzeitgedächtnis der Massenmedien schon wieder verschwunden sind, leistet Sacco mit seiner langsamen und gründlichen Aufarbeitung dieser Konflikte eine wichtige und eindringliche Erinnerungsarbeit. Saccos Bosnien-Buch ist erst kürzlich auf Deutsch erschienen, der Band "Footnotes from Gaza" ist bisher nur auf Englisch verfügbar.

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