Haarmann

Comics - und nichts anderes bedeutet der schicke Untertitel dieses Buchs - sind eine nicht unbedingt dankbare Aufgabe für eine Besprechung. Allerdings sollte schon seit "Fritz the Cat" und den "Freak Brothers" klar sein, dass es gezeichnete Romane gibt, in denen sich die bildende mit der literarischen Kunst durchaus die Waage hält.

Art Spiegelman und seine in den 1970er und 80er Jahren entstandenen und so betitelten "Maus"-Comics über die Judenverfolgung und den Holocaust sind ein weiteres Beispiel für diese These, ebenso wie die vor wenigen Jahren erschienenen und in jeder Hinsicht ausgezeichneten Comics-Bände des US-Amerikaners Jason Lutes über das Berlin der Weimarer Republik.

Zur annähernd selben Zeit im selben Lande - aber nicht in Berlin sondern in Hannover - spielt jene Geschichte, die die deutsche Zeichnerin Isabel Kreitz und der deutsche Autor Peer Meter hier erzählen. "Haarmann" heißt das Buch, und dessen bestialische Verbrechen sind zu einem Klassiker der deutschen "true crime", also "wahren Verbrechens"-Literatur geworden.

Der Totmacher Fritz Haarmann

In den frühen 1920er Jahren soll der hannoverische Trödler, Hehler und Polizeispitzel Fritz Haarmann 24 Männer umgebracht, zerstückelt und verkocht haben. Geholt hat er sich seine Opfer zu später Stunde auf dem Bahnhof mit dem Stehsatz: "Ich gehör nemich zur Mitternachtsmission. Muss mich um alle jungen Männer kümmern, die nachts auf'm Bahnhof sind."

Danach ging es ab in Haarmanns Wohnung, es wurde "pussirt" - wie es Haarmann selbst genannt hat - und am Ende, ebenfalls Zitat Haarmann, "war ab und zu immer einer tot". Kleidung und Menschenfleisch der Opfer verkaufte der Mörder an die Nachbarn. Knochen und nicht weiter verwertbare Überbleibsel soll er in den hannoverschen Stadtfluss Leine geworfen haben. Bis Haarmann dann 1924 geschnappt und nach einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess ein Jahr später hingerichtet wurde.

Einer von Haarmanns letzten Sätzen soll gelautet haben: "Weihnachten will ich bei Mutter im Himmel sein. Denn machen wir die Lichter an und singen Oh, Tannenbaum, oh Tannenbaum".

Eine schaurig-grausame Welt

Die Geschichte des Serienmörders Haarmann ist mehrfach dokumentiert worden - in Buch- und Filmform. Die von Christine Poszar und Michael Farin in den 1990er Jahren herausgegebenen "Haarmann-Protokolle", mehr oder minder die Aufzeichnungen der damaligen Verhöre, sind nach wie vor erhältlich, und der Schauspieler Götz George hat in einem wirklich sehenswerten Film - ein Dreipersonenstück -, entstanden ebenfalls in den 1990er Jahren, den Haarmann im Polizeiverhör dargestellt. "Der Totmacher" heißt der von Romuald Karmakar inszenierte Streifen.

Was aber die Comics-Autoren Kreitz und Meter im vorliegenden Band schaffen, hat eine eigene, zusätzliche Qualität. Schwarz-weiße Zeichnungen, präzise Physiognomien, gezirkelte Raum- und Stadtbilder schicken den Leser und Seher in eine schaurig-grausame Welt des vergangenen Jahrhunderts. Komplettiert wird der Bildroman durch ein chronologisch-informatives Nachwort.

Fazit: Was wirklich Grausiges zu sehen und zu lesen.

Service

Peer Meter und Isabel Kreitz, "Haarmann. Ein graphic novel", Carlsen Verlag