Belgrad - Momente der Architektur

Im Rahmen der Wiener Ausstellungsreihe "Architektur im Ringturm" wird am Montag, 18. Juli 2011 die Ausstellung "Belgrad - Momente der Architektur" eröffnet, die sich der serbischen Hauptstadt widmet.

Kulturjournal, 18.07.2011

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VIG - Architektur im Ringturm

Erster Aufschwung

Nach dem Zusammenfall der Habsburgermonarchie und dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Belgrad zur Hauptstadt des neu gegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen und erlebte in der Zwischenkriegszeit einen ersten wirtschaftlichen Aufschwung.

Unter Tito entwickelte sich die Stadt in den 1950er Jahren dann von der Agrar- zur modernisierten Industriemetropole. Zwei Zeitabschnitte, die das Stadtbild Belgrads bis heute prägen. Die Ausstellung "Belgrad - Momente der Architektur" wirft einen Blick auf das sich über die Jahre verändernde Stadtbild, auf herausragende Gebäude und architektonische Handschriften von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Interesse an zeitgenössischer Architektur

"Das gibt ein Bild, das gar nichts mit Stilen zu tun hat, sondern mit einerseits den Ausbildungsmöglichkeiten der Architekten, andererseits mit dem Bedarf an öffentlichen Gebäuden und dann natürlich auch für das Zeitgenössische mit den Investoren", so Adolph Stiller, Kurator der Ausstellung.

Im Verlauf der raschen Modernisierung und angesichts rapide wachsender Einwohnerzahlen herrschte ab den 1930er Jahren Bedarf an neuer städtischer Infrastruktur. Insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg entstanden so, begünstigt durch die politischen Gegebenheiten, zahlreiche Neubauten: Der jugoslawische Staat war damals gewissermaßen Grundeigentümer, Auftraggeber und Baubehörde in einem.

Repräsentative Projekte

Der Wille zu repräsentativen Projekten war groß. Dabei profitierte die Kulturszene von der distanzierten Haltung Titos zur Sowjetunion, was die Etablierung einer eigenen architektonischen Poetik ermöglicht habe, so Stiller. Abseits von sozialrealistischen Einflüssen.

"Dieser Einfluss ist de facto gar nicht gegeben. Im Gegenteil: Dass Tito und seine Umgebung begriffen haben, dass die Modernität der Architektur auch den Staat oder die öffentliche Hand modern dastehen lässt. Man kann auch von Glück sprechen, dass die richtigen Architekten da waren, die das umsetzen durften", sagt Stiller.

Mit den "richtigen Architekten", meint Stiller vor allem die "Gruppe der Architekten der modernen Bewegung". Gebäude wie Milan Zlokovics Universitätskinderklinik oder das im Balkankrieg weitgehend zerstörte Generalstabsgebäude von Nicola Dobrovic gehören zu den zentralen Bauten serbischer Architektur.

"Die Regierungsbauten und die Verwaltungsbauten strahlen schon zu Beginn der 50er Jahre eine Modernität aus, wo wir in Österreich eigentlich noch sehr einer überbrachten Bautradition verhaften waren", erklärt Stiller.

Bedarf an Wohnraum war groß

Vor allem aber war in dieser Zeit auch der Bedarf an neuem Wohnraum groß. So begann man Anfang der 1950er Jahre auf einem Sumpfgebiet am linken Save Ufer mit der Errichtung eines neuen Stadtteils - dem schon in den 1930er Jahren angedachten Novi Beograd. Mit rund 390.000 Einwohnern und einer Fläche von 41 Quadratkilometern heute der größte Bezirk Belgrads.

"Damals war Belgrad schon die Hauptstadt von ganz Jugoslawien und hat Platzbedarf gehabt, Entwicklungsmöglichketen wurden studiert", erläutert Stiller. "Man kann das gar nicht mit anderen Städten vergleichen, weil Novi Beograd keine Reißbrettstadt ist, sondern auf Grund eines Konzeptes begonnen wurde, aber dann auf Grund des laufenden Bedarfs dieses Konzept adaptiert und angepasst wurde und sich bis heute laufend Dinge entwickeln, die sich auch baulich niederschlagen."

Vergangenheit prägt Stadtbild

Doch bis heute wird das Stadtbild Belgrads auch von seiner umkämpften Vergangenheit geprägt. 1941 und 1944 von der deutschen Wehrmacht und den alliierten Truppen bombardiert, warfen zuletzt 1999 die Luftangriffe der Nato die Stadt in ihrer Entwicklung zurück. Ruinen zeugen von den Angriffen, zahlreiche Bauprojekte blieben nach dem Krieg unvollendet, andere Gebäude stehen leer, blieben nach dem Zerfall Jugoslawiens ungenützt: "Das hat mit dem Abhandenkommen der Investoren und dem Schrumpfen des Staats zu tun. Viele Gebäude sind funktionslos, weil das Land viel kleiner ist."

Das Zurückschrauben der Flächen sei jedoch nicht so leicht. Prominentes Beispiel hierfür ist das 1961 erbaute Hotel Jugoslavija. Einst repräsentativer Prunkbau am Save-Ufer, steht der Monumentalbau heute leer: "Das war für ganz Jugoslawien die Adresse, wo man Staatsgäste untergebracht hat, bestens ausgestattet in dem Charme Jugoslawiens der 50er und 60er Jahre. Das steht heute leer. Es fehlt an Investoren, an Aufgaben und schließlich auch an Finanzmitteln."

Architektur als Spiegel der Geschichte

Die Ausstellung "Belgrad - Momente der Architektur" wirft einen Blick auf das sich über die Jahre verändernde Stadtbild, auf herausragende Gebäude und architektonische Handschriften von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis in die Gegenwart - mit der Architektur als Spiegel der historisch politischen Vergangenheit.

Textfassung: Rainer Elstner