Standort: oe1.ORF.at

Gesellschaft

Experimente an Heimkindern auch in Tirol

Tiermedikamente und Röntgenstrahlen

Am Montag haben wir über den Vorwurf berichtet, dass es in den 1960er und 1970er Jahren in Wien Versuche mit absichtlichen Malaria-Infektionen bei Heimkindern gab. Nun hat in Innsbruck ein Historiker aufgedeckt, dass psychiatrische Behandlungen mit Röntgenstrahlen und einem Mittel aus der Tiermedizin durchgeführt wurden. Betroffen waren auch dort vor allem Heimkinder.

Morgenjournal, 8.2.2012

Bernt Koschuh

"Sexuell übererregt"

Sogar unter-zehnjährige Mädchen seien niedergespritzt worden, sagt der Historiker Horst Schreiber. Mit Epiphysan, einem Mittel, das in der Tiermedizin ursprünglich zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen getestet wurde und als gesundheitsschädlich bekannt ist - mit der Behauptung, die Mädchen würden "onanieren" oder seien "sexuell übererregt".

Horst Schreiber war Initiator und Mitglied der Heim-Untersuchungskommission in Tirol. Sein Vorwurf richtet sich in erster Linie gegen die bereits verstorbene Psychiaterin Maria Nowak-Vogel, die als langjährige Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie bis Ende der 70er Jahre Epiphysan angewandt habe: "Weil sie einen Kreuzzug führte gegen die Onanie und gegen sexuelle Überregtheit."

"Behandlung" mit Röntgenstrahlen

Nowak-Vogl war laut Schreiber geprägt durch streng katholisches Denken und andererseits durch den Nationalsozialismus, in dieser Tradition stehe Röntgenbehandlung, die sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch angewandt habe: " Nowak-Vogl beschreibt selbst den Fall eines Fünfjährigen, den sie mit einer Serie von Röntgenstrahlen behandelt hat, wegen des Jähzorns, den er an den Tag legte."

In welchem Ausmaß und wie lange Nowak-Vogl Röntgenstrahlen als vermeintliche psychiatrische Therapie angewandt hat, sei aber noch wenig erforscht, die Krankenakten müssen erst durchforstet werden, sagt Schreiber.

Prägende Rolle

Betroffen von all dem waren laut Schreiber vor allem Heimkinder. Und Nowak-Vogl sei "eine der Schlüsselfiguren mit ihren Gutachten und Diagnosen" gewesen, um Kinder im Heimen unterzubringen. "Sie äußert auch sehr oft die Frage, ob diese Kinder jemals vollwertige Menschen werden können." Und die Psychiaterin und Pädagogin, die bis 1987 Leiterin der Kinderpsychiatrie war, habe auch den erzieherischen Umgang mit Heimkindern in Tirol geprägt: etwa Bestrafungen und brutales Bloßstellen von Bettnässern gegenüber anderen Kindern, oder Klingelbetten gegen Bettnässen - auch noch zu einer Zeit, als anderswo humanere Methoden angewandt wurden.

Damals "Mainstream"

Hartmann Hinterhuber, bis vor kurzem Psychiatrie-Chef in Tirol, sagt, für ihn sei die angebliche Anwendung von Röntgenstrahlung völlig unverständlich. Die aus heutiger Sicht indiskutablen pädagogischen Ansichten Nowak-Vogls bedaure er, aber sie seien ebenso wie die Ablehnung von Onanie "Mainstream", also allgemeine Sichtweisen, gewesen. Schließlich sei Nowak-Vogl 1972 von der geisteswissenschaftlichen Fakultät zur außerordentlichen Professorin ernannt worden. Historiker Schreiber sagt, das Mittel Epiphysan sei seines Wissens aber nur unter Nowak-Vogl angewandt worden.

08.02.2012

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick