Malaria-Experimente: Uni-Klinik will prüfen

Die Wiener Universitätsklinik will sich jetzt mit möglichen medizinische Versuchen an Heimkindern befassen. Wiener Heimkinder dürften noch in den 60er Jahren für zweifelhafte psychiatrische Therapien und medizinische Versuche missbraucht worden sein. Diesen Vorwurf hat ein ehemaliges Heimkind am Montag im Morgenjournal erhoben.

Mittagsjournal, 6.2.2012

Malaria-Experimente mit Kindern?

Der Mann war im Alter von 16 Jahren an der Wiener Uni-Psychiatrie gezielt mit Malaria infiziert worden und sagt, er habe noch jahrzehntelang an plötzlichen Fieberschüben gelitten. Die Uni-Klinik will die Sache in den nächsten Wochen aufarbeiten.

Womöglich ist es den Wiener Uni-Psychiatern 1964 nur darum gegangen, den Malaria-Erreger in Patienten am Leben zu erhalten, um diesen Erreger verfügbar zu haben. Verfügbar für zweifelhafte und damals laut der Psychiaterin Gabriele Wörgötter längst veraltete Therapien. Schließlich habe es damals schon Psychopharmaka gegeben.

Wörgötter ist Mitglied der Helige-Kommission, die Missbrauch und Misshandlungen an Wiener Heimkindern prüft. Eine Malaria-Behandlung sei nicht Standard der Psychiatrie gewesen, deswegen muss unbedingt hinterfragt werden, warum hier offenbar Versuche mit Minderjährige aus Heimen durchgeführt wurden.

Betroffener erhebt schwere Vorwürfe

Dass Malaria-Infektionen durchgeführt wurden, wird vom Psychiater Bernd Küfferle bestätigt, der ab 1965 an der Uni-Psychiatrie gearbeitet hat.

Der 63-Jährige Wilhelm J., der am Montag im Ö1-Morgenjournal als erster Betroffener an die Öffentlichkeit gegangen ist, sagt, es seien damals auch andere Heimkinder mit Malaria infiziert worden - einer nach dem anderen, mit dem Blut der davor infizierten - eben um den Erreger in Patienten zu erhalten.

Und Wilhelm J. sagt, er habe sich nicht wehren können gegen die sogenannte Malaria-Kur, weil die Fürsorge die Obsorge hatte für ihn und nicht seine Eltern.

Nazi-Traditionen fortgesetzt?

Der Vorwurf, er wäre in einer Nazi-Tradition gestanden, gilt für den damaligen Psychiatrie-Chef Hans Hoff allerdings nicht. Laut Wikipedia war er nach dem sogenannten Anschluss Österreichs vor den Nazis geflüchtet und kehrte erst 1949 zurück nach Österreich.

Allerdings sind zwei andere Psychiater wegen Malaria-Versuchen in der NS-Zeit im Nürnberger Prozess und im Dachauer-Prozess verurteilt worden, wegen der gravierenden Folgen, ebenfalls laut Wikipedia.

Malaria-Erreger Jahrzehnte im Körper?

Der 63-Jährige Wilhelm J. sagt, er habe nach der Infektion 1964 noch über Jahrzehnte an plötzlichen Fieberschüben und Schweißausbrüchen gelitten.

Hatte er den Malaria-Erreger womöglich trotz Therapien immer noch im Körper? Der Wiener Tropenmediziner Harald Nödl bezweifelt das, denn das wäre nur kurzzeitig, maximal ein paar Monate danach möglich, wenn keine adäquate Therapie durchgeführt wurde. Das die Symptome Jahre später noch auftreten, sei extrem unwahrscheinlich.

Weiterer Betroffener meldet sich

Vielleicht also psychosomatische Gründe? Beim ORF-Radio hat sich mittlerweile ein zweiter Betroffener gemeldet, er sei 1961 mit 19 an der Klinik Hoff mit Malaria infiziert worden und sei dadurch nervlich kaputt gemacht worden.

Wilhelm J. dürfte übrigens von der Stadt Wien eine Heimkind-Entschädigung erhalten. Er überlegt aber, mit Hilfe seines Anwalts Johannes Öhlböck - zusätzlich die Medizinuni zu klagen.

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