Berühmt sein ist nichts

Die Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin Daniela Strigl hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der am 12. März 1916 verstorbenen Dichterin beschäftigt. Sie war Mitherausgeberin der vierbändigen Ebner-Eschenbach-Leseausgabe und legt nun eine Biografie nach.

Bildnis einer Frau mit roten Lippen

Neben Adalbert Stifter und dem weitgehend vergessenen Ferdinand von Saar war Marie von Ebner-Eschenbach die wichtigste Vertreterin einer in Österreich literaturgeschichtlich an den Rand gedrängten Epoche: des Bürgerlichen Realismus.

Karl von Blaas malt die Autorin im Alter von 43 Jahren (Ausschnitt)

Residenz-Verlag

Daniela Strigl: "Dieser Glaube an den Menschen, das ist etwas, das einen noch heute berührt und was einen auch irgendwie tröstet."

Neben Adalbert Stifter und dem weitgehend vergessenen Ferdinand von Saar war Marie von Ebner-Eschenbach die wichtigste Vertreterin einer in Österreich literaturgeschichtlich an den Rand gedrängten Epoche: des Bürgerlichen Realismus. Sie wurde 1830 als Marie Dubsky auf Schloss Zdislawitz in Mähren geboren. Die Mutter stirbt ein paar Tage nach ihrer Geburt, der Vater ist ein konservativer Adeliger vom alten Schlag, dem wenig an der Bildung von Marie und ihrer älteren Schwester liegt.

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Daniela Strigl, "Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach - Eine Biographie", Residenz Verlag

Dass sich die spätere Schriftstellerin als hässlich empfunden hat, war wahrscheinlich ein Schreibimpuls unter anderen. Sie hadert mit der ihr zugedachten, einschränkenden weiblichen Rolle. Sie schärft aber auch ihr soziales Gewissen: Schon als Kind ist sie mit den Dienstboten auf du und du und wird ihr Leben lang keine Standesdünkel haben. Sie schreibt gegen die feudalen Verhältnisse an und gilt in ihrer Familie als Blaustrumpf, der Schande über das Haus bringen könnte.

Der einzige, der schon früh positiv auf die literarischen Erzeugnisse Maries reagiert, ist ihr um 15 Jahre älterer Cousin Moritz von Eschenbach. 1848, während in Wien die Revolution tobt, heiraten sie. Ganz unstandesgemäß sympathisieren die beiden mit den Aufständischen. Moritz ist allerdings Offizier, was seine pazifistische Gattin nicht gutheißen, aber auch nicht öffentlich kritisieren kann. Außerdem ist er ein gebildeter und belesener Mann, ein antiklerikaler Freigeist und ein begnadeter Pädagoge. Er war es, der seiner vor allem Kuchlböhmisch und Französisch sprechenden Nichte richtiges Deutsch beigebracht hat.

1880 - sie ist 50 Jahre alt - erscheint ihre erste Aphorismen-Sammlung, die Furore macht. Aus leidvoller Erfahrung schreibt sie:

In ihrer Erzählung "Bozena", macht sie eine tschechische Magd zur Heldin, die allen adeligen und bürgerlichen Mitspielern an Intelligenz und Herzensbildung überlegen ist. Ihr erster erfolgreicher Roman "Lotti die Uhrmacherin" handelt von einer selbstbewussten Handwerkerin. In ihrer bis heute populärsten Erzählung "Krambambuli" thematisiert sie nicht nur das Schicksal eines Hundes, der zwischen der Treue zu seinem alten Herrn, einem Wilderer und seinem neuen Herrn, einem Jäger hin- und hergerissen wird, sondern auch den Konflikt zwischen der Obrigkeit und den Armen, die darauf angewiesen sind, sich von den Tieren und Früchten des Waldes zu ernähren.

In ihrem berühmtesten Roman "Das Gemeindekind", der 1887 erscheint, triumphiert ein aus der Gemeinschaft ausgeschlossener Waise gegen die Brutalität seiner Umgebung. Darauf kommt es der leidenschaftlichen Pädagogin an: Dass sich jeder aus den misslichsten Verhältnissen befreien kann, wenn er nur einen verständnisvollen Menschen findet. Der Roman erreicht noch zu Lebzeiten der Schriftstellerin 16 Auflagen. Mit 69 Jahren wird sie von Kaiser Franz Joseph empfangen und erhält das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Mit 70 erhält sie als erste Frau das Ehrendoktorat der Universität Wien. 10.000 Frauen Wiens schicken eine Grußadresse an die Jubilarin. Gemeinsam mit Peter Rossegger wird sie für den Nobelpreis nominiert.

Daniela Strigl zeichnet in ihrer Biografie vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund eine Frau in ihrem Widerspruch. Bescheiden und anmaßend. Vorsichtig pazifistisch und feministisch. Ignorant, was die Psychoanalyse betrifft; doch unbeirrbar ihrem Engagement gegen den Antisemitismus. Wer Strigls Biografie gelesen hat, versteht, dass uns die Autorin mit ihrem Witz, ihrem Sarkasmus, ihrer erzählerischen Brillanz aber auch mit ihrem heute in Verruf geratenen Gutmenschentum etwas angeht.