Blick auf Neapel

GABRIEL BOUYS / AFP

Neapel soll EU-Fördergelder zurückzahlen

Das Geld wäre da gewesen, aber passiert ist nichts: In Neapel bahnt sich ein Kulturskandal an. Knapp 100 Millionen Euro sind von der EU in den letzten Jahren für den Erhalt und die Rettung von Kulturgütern nach Neapel geflossen, um die Altstadt - in ihrer Gesamtheit Weltkulturerbe der UNESCO - zu sanieren. Doch die Arbeiten sind zum größten Teil nie aufgenommen worden, und so müssen auch die Fördergelder wieder zurückgezahlt werden.

Mittagsjournal, 18.7.2017

Thomas Migge

Wo Nero Gedichte deklamierte

Durch einen schmalen Korridor geht es von der lauten Straße in einen Innenhof, der komplett von heruntergekommenen alten Wohnhäusern aus verschiedenen Jahrhunderten umbaut ist. Hier staunt man. Gut zu erkennen sind Sitzreihen, einige noch mit Marmordekorationen. Tacitus und Sueton zufolge soll hier Kaiser Nero eigene Gedichte deklamiert und dazu die Harfe gezupft haben.

Das Teatro romano di Neapolis, das römische Theater der Altstadt Neapels, ist ein archäologischer Schatz, schwärmt die neapolitanische Archäologin Clara de Monti: "Das Projekt, diesen Ort wieder als Theater zu beleben, existiert seit Jahren. Rund 100 Zuschauer können hier Platz finden. In einigen der unterirdischen Säle könnten die antiken Fundstücke, die wir hier fanden, gezeigt werden."

Mafiöse Bauunternehmen

Ein faszinierendes Projekt. Doch es wurde nie realisiert. Nicht etwa weil es an Geld fehlte. Im Gegenteil: Sechs Millionen Euro wurden für die Restaurierung des antiken Theaters bereitgestellt - von der Europäischen Union. Doch sie können nicht ausgegeben werden, weil die Bauunternehmen, die den Zuspruch zu den Arbeiten erhielten, so die ermittelnde Staatsanwaltschaft, mafiös unterwandert sind.

Und so liegen die Arbeiten nicht nur brach, sondern die Finanzmitteln von der EU müssen zurücküberwiesen werden, nach Brüssel. Immer dann, wenn die EU Gelder für Restaurierungsarbeiten in ihren Mitgliedsstaaten bereitstellt, müssen diese innerhalb einer bestimmten Frist zum Einsatz kommen. Geschieht das nicht, muss der Empfänger, in diesem Fall die Stadt Neapel, die Gelder zurückgeben.

Die Frist ist abgelaufen

Ein Skandal, klagt Antonio Pariante, Präsident einer Bürgerinitiative zur Rettung neapolitanischer Kulturgüter: "Diese Altstadt ist eine Mischung aus Faszination und Verfall. Und dabei könnte alles besser sein. Mehr als 100 Millionen Euro wurden zur Restaurierung von Kirchen und Palästen durch die EU zur Verfügung gestellt. Fast das gesamte Geld muss jetzt zurückgegeben werden. Die Folgen? Hier zum Beispiel: die barocke Kirche Santa Maria Colonna gammelt vor sich hin."

In mehr als 50 Fällen geplanter Restaurierungen können die Finanzmittel nicht ausgegeben werden. Kunsthistoriker, Statiker, Archäologen und andere Fachleute haben Jahre lang Projekte zur Rettung historischer Monumenten aus verschiedenen Jahrhunderten erarbeitet - in Erwartung der für die Realisierung unerlässlichen und zugesagten Finanzmittel. Die wurden zwar überwiesen, doch mit dem Beginn der jeweiligen Arbeiten wurde nie oder zu spät begonnen.

Neapel ist kein Einzelfall

Neapel ist aber kein Einzelfall in Italien. Auch auf der Insel Sizilien müssen nicht ausgegebene EU-Finanzmittel wieder zurückgegeben werden. Der sizilianische EU-Abgeordnete Salvo Pogliese machte sich Jahre lang für entsprechende Finanzmittel zum Erhalt historischer Monumente auf seiner Heimatinsel stark. Er ist verzweifelt: "Das ist ein Zug, den Sizilien nicht verpassen darf! Wir brauchen diese Finanzmittel! Denn wir verfügen nicht über die Gelder, um unsere Kulturgüter allein instand zu halten."

Wie in Neapel versprechen auch die politisch Verantwortlichen in der Inselhauptstadt Palermo, dass sich zukünftig alles zum Besseren hin verändern wird. So recht glaubt allerdings niemand daran.

Service

Unesco - World Heritage Convention. Historic Centre of Naples

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