Der Moderator bittet seine Gäste Platz zu nehmen

APA/HERBERT NEUBAUER

Ein Land versinkt im Infotainment

Der Nationalratswahlkampf 2017 ist eine Abfolge von Talks, Elefantenrunden und Duellen, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Neben dem ORF, der seine seit 1994 bewährten Konfrontationen macht und mit dem "Nationalraten" ein gegen alle Unkenrufe gelungenes Format kreiert hat, mischen vier Privatsender und sogar die Bundesländerzeitungen mit, die das einzige Dreier-Duell Kern-Kurz-Strache zustande gebracht haben. Das Rennen mit puls4 um die Ausstrahlung im Hauptabend hat ORF III gewonnen. Die Rekord-Einschaltquoten geben den Fernsehmachern echt, aber Zweifel werden laut.

Die Duelle jeder gegen jeden hat der ORF vor mehr als 20 Jahren erfunden, und sie seien im Lauf der Jahre zum innenpolitischen Inventar geworden, sagt der Politikberater Thomas Hofer: „"Das kann sich keiner mehr wegdenken, obwohl die Situation gerade in diesem Wahlkampf ja fast absurd ist. Es gibt die Eins-zu-Eins-Duelle nicht mehr nur im ORF, sondern auch auf anderen Sendern. Das droht zu einer abgestumpften Form zu werden."

Rekord-Einschaltquoten als Argument

Fast 30 Duelle, drei Elefantenrunden, eine Dreierrunde. Die Puls4-ATV-Sendergruppe, hinter der der deutsche ProSieben-Sat1 Medienkonzern steht, meldet Rekordeinschaltquoten. Puls4-Infochefin und Moderatorin Corinna Milborn sagt: "Allein die Zuseherzahlen beweisen, dass es notwendig ist. Es wird niemand gewzungen, sich vor den Fernseher zu setzen. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass wir unserem Publikum die Möglichkeit bieten, sich eine informierte Meinung zu bilden. Und ich finde, es reicht nicht, wenn das nur ein Medium macht."

Showcharakter versus Meinungsbildung

Wobei das mit dem Meinung bilden so eine Sache ist. Die Konfrontationen dienen in der Regel dazu, die eigene Zielgruppe zu bestärken. Entsprechend hoch ist der Show-Faktor, und das war schon zur Zeit Bruno Kreiskys so, als der dem ÖVP-Spitzenkandidaten Josef Taus im legendären Duell dessen "Gouvernantenhaftigkeit" vorgeworfen hat. Sager wie dieser bleiben hängen, die Inhalte weniger.

NEOS-Chef: Dem Wahlfieber gerecht werden

Die Spitzenkandidaten als Hauptbetroffene, die vor den Kameras stehen und keinen Ausschaltknopf drücken können, sehen die Fülle von Konfrontationen unterschiedlich. Matthias Strolz (NEOS) ist begeistert: "Ich liebe Wahlkampf! Ich vergleiche es mit einer Welt- oder Europameisterschaft, es gibt ein Grundfieber in der Gesellschaft. Und die Leute sagen sich, ich muss nicht jedes Match anschauen, aber irgendwie ist da eine Art von Auseinandersetzung in der Luft für vier Wochen." Auch Ulrike Lunacek schätzt die Bühne der Duelle, aber sie sagt auch lachend: "Also mehr sollte es nicht mehr werden."

Strache: Duelle gut, weniger Elefanten

FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache lobt die Duelle ebenfalls, weil man da unzensuriert rüberkomme, wie Strache in bekannter FPÖ-Manier betont. Das Ausmaß würde der FPÖ-Chef reduzieren: "Man kann darüber streiten, ob es nicht gescheit wäre, eine ATV-Puls4-ORF-Elefantenrunde zu machen. Aber was die Zweier-Konfrontationen betrifft, ist das ein gutes Format." Der Kommunikationschef von SPÖ-Chef Bundeskanzler Christian Kern, Johannes Vetter, nennt die Duelle sogar eine Sternstunde. An dieser Errungenschaft solle man nicht rütteln.

SPÖ: Weniger Termine, Sender gemeinsam

Aber auch Kern-Sprecher Vetter meint, es gebe zu viele Termine: "Meine Sorge ist, dass die Relevanz der einzelnen Debatten dadurch ein bisschen verwischt wird. Denkbar wäre, dass man allen Sendern vier, fünf Termine zur Verfügung stellt und die sich nach dem amerikanischen oder deutschen Modell einigen." Sprich: gemeinsame Sendungen machen. Auch Elisabeth Köstinger, ÖVP-Generalsekretärin, schaut nach Berlin: "In Deutschland ist ja nur ein Duell abgehalten worden, das hat dann natürlich auch viel mehr Aufmerksamkeit gehabt."

Müdes deutsches Kanzlerduell als Vorbild?

Wobei das deutsche Kanzler-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ein denkbar schlechtes Vorbild wäre. Die Sender haben sich zwei Duelle gewünscht, eines für die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF, ein zweites für die Privaten. Merkel hat nicht nur das abgelehnt, sie war auch gegen eine Zweiteilung des einzigen Duells – dann hätten einen Teil die Privaten mit ihren Fragen bestreiten können, den anderen ARD und ZDF mit ihren Fragen. Im Endeffekt standen den zwei Kanzlerkandidaten vier Fragensteller gegenüber.

Das Mail aus dem Bürgermeisterbüro 2015

In Österreich hat es etwas Ähnliches erst einmal gegeben: Vor der Wiener Gemeinderats-Wahl 2015 hat sich Bürgermeister Michael Häupl von der SPÖ geweigert, in zwei Elefantenrunden zu gehen. Sein Büro hat daraufhin ORF Wien, Puls4 und ATV per Mail quasi aufgefordert, gemeinsame Sache zu machen. Zitat: "Wir würden uns freuen, damit ein für die österreichische TV-Politberichterstattung neues Format realisieren zu können." ATV, das damals noch eigenständig war, wollte sich nichts vorschreiben lassen und lehnte ab. Das ORF-Landesstudio und Puls4 haben das Projekt dann gemeinsam durchgezogen.

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