HC Strache

APA/HELMUT FOHRINGER

Der Kampf um die Bilderhoheit

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. In den Redaktionen hat sich diese Weisheit - obwohl durch die Online-Ausgaben praktisch aller Medien mit unbegrenzt viel Platz für Bilder heute brennender denn je - noch nicht nachhaltig durchgesetzt. Ein Foto gilt immer noch als im besten Fall schmückendes Beiwerk zu einem Artikel, aber eben nicht als eigenständiges Werk. Fotojournalisten weisen schon länger auf dieses Missverständnis hin, allerdings nicht sehr erfolgreich. Das zeigt der Umgang vieler Medien mit von der ÖVP zur Verfügung gestellten Bildern von den Sondierungsgesprächen des Sebastian Kurz. Die wurden zum Teil kommentarlos abgedruckt.

Unabhängige Fotografen waren bei den Treffen von ÖVP-Obmann Kurz mit den Chefs der anderen Parlamentsparteien am Wochenende nach der Nationalratswahl nicht zugelassen. Die Vier-Augen-Gespräche fanden im räumlich beengten Ausweichquartier des Parlaments im Container-Komplex auf dem Wiener Heldenplatz statt. Platznot war auch die offizielle Begründung der ÖVP für diese Vorgangsweise - die nicht Schule machen soll, wie versichert wird. Tatsächlich war beim Auftakt der Koalitionsverhandlungen im alten niederösterreichischen Landhaus wieder ein gutes Dutzend Fotografen dabei.

Unabhängige Fotografen mussten draußen bleiben

Die Expertin für visuelle Kommunikation an der Universität Wien, Petra Bernhardt, sagt dennoch, man solle vorsichtig sein. Der Zeitpunkt der Bilderkontrolle sei verdächtig, die freigegebenen Fotos hätten kaum Aussagekraft – und das sei möglicherweise gewollt: "Da ist wenig Interpretationsspielraum da, für diese Phase der Vorgespräche gibt es also wenig Anhaltspunkte, wo man dann sagen kann, das könnte ein Indiz sein, in welche Richtung es geht. Und das ist etwas, was die Politik sehr gern möchte." Kritiker könnten da aber durchaus auch einen möglichen Kontroll-Anspruch der künftigen Bundesregierung herauslesen, sagt Bernhardt. "Die Reaktion des "Standard" hat das gezeigt, wo schon von zensur-ähnlichen Maßnahmen die Rede war."

Christian Kern und Sebastian Kurz

Sebastian Kurz empfängt Christian Kern.

NEUE VOLKSPARTEI/JAKOB GLASER

Partei-Bilder von mehreren Zeitungen übernommen

Bei den Sondierungen hatte nur ÖVP-Fotograf Jakob Glaser Bilder gemacht, die wurden dann der Austria Presse Agentur zur Verbreitung weitergegeben und in mehreren Zeitungen abgedruckt. Der "Standard" übernahm auch ein Foto, aber immerhin mit einer Erklärung der Umstände, wie es zustande kam. Tags darauf kündigte die Redaktion an, solche Fotos überhaupt nicht mehr zu veröffentlichen. Für "Standard"-Fotograf Matthias Cremer eine wichtige Klarstellung seines Blattes: "Das geht nicht, das ist kein Journalismus. Man muss sich ja nur vorstellen, das würde so mit Texten probiert, dass jemand einen vorgefertigten Text zur Verfügung stellt und sagt: Wenn ihr was berichten wollt - da ist unser Text."

Machtgefälle zwischen Schreibern und Fotografen

Cremer und sein "Kurier"-Kollege Jürg Christandl kämpfen schon länger dafür, dass die Medienbranche bewusster mit Bildern umgeht. Beide verstehen sich als Foto-Journalisten, die eben nicht Beiwerk zu einem geschriebenen Artikel liefern, sondern mit ihren Bildern eigene Geschichten erzählen. "Es gibt in den Redaktionen ein Machtgefälle zwischen schreibenden und fotografierenden Journalisten, ich vermisse da die Solidarität der schreibenden Kollegen, wenn es um das Thema Foto-Journalismus geht. Auch das Wort ist bei uns nicht gebräuchlich. Wir sind die Fotografen – manchmal auch abwertend gemeint", sagt Jürg Christandl.

Faymann mit Krone

Werner Faymann

STANDARD/MATTHIAS CREMER

Wenn Bilder subtil Geschichten erzählen

Petra Bernhardt betont, wie wichtig es sei, die Arbeit von Fotojournalisten anzuerkennen und nennt als Beispiel ein Bild von Matthias Cremer: Der damalige Kanzler Werner Faymann vor einem Hintergrund mit Bundesadler, dessen Krönchen scheinbar auf Faymanns Kopf. Eine ungemein subtile Anspielung auf die Nähe des früheren SPÖ-Chefs zur "Kronen Zeitung" und zum restlichen Boulevard, so Bernhardt. Sie führt die gewisse Ignoranz gegenüber Fotos auf den Sparkurs in vielen Redaktionen zurück. Jürg Christandl drückt es so aus: "Wenn der Bundeskanzler oder der Außenminister irgendwohin fährt, dann fahren keine unabhängigen Fotografen mehr mit, weil das Kosten verursacht und Redaktionen sparen müssen. Das führt dazu, dass man sehr empfänglich ist, Bilder anzunehmen, die nichts kosten."

Auslandsreisen setzen Journalismus außer Kraft

Der Medienwatchblog "Kobuk" hat bereits im Mai analysiert wie PR-Bilder immer öfter echte Pressefotografie ablösen und einige kuriose Beispiele dafür gefunden: Ein kritischer Leserbrief zur österreichischen Flüchtlingspolitik in der "Wiener Zeitung" wird etwa mit einem Foto von Kurz bebildert, wie der Außenminister in einem äthiopischen Flüchtlingslager Hände schüttelt und von freundlich lachenden Gesichtern empfangen wird. Die Text-Bild-Schere ist zweitrangig – ein professionelles, technisch betrachtet gutes Bild, noch dazu gratis geliefert, wird dankend angenommen. Lediglich in den Bild-Credits erkennt die aufmerksame Leserin: Das Foto ist nichts weiter als ein PR-Produkt des Kurz-Fotografen Dragan Tatic.

Bundeskanzler Christian Kern und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel

Christian Kern und Angela Merkel

APA/BKA/ANDY WENZEL

Kern, Kurz und ihre Leib-Fotografen

Ein anderes Beispiel: Eine Bilanz zu den ersten hundert Tagen Kern in der "Presse am Sonntag" wird von einem Foto begleitet, auf dem der Bundeskanzler mit seiner Amtskollegin Angela Merkel amikal und vertraut wirkt. Die Bildbotschaft ist klar: Kern ist in der Spitzenpolitik angekommen. Das Foto – und damit die Message - stammt allerdings vom Bundeskanzleramt.

Vieler dieser Propaganda-Fotos, die es in die Zeitungen schaffen, entstehen auf Auslandsreisen. Denn immer weniger Redaktionen können oder wollen es sich leisten, eigene Fotografen mitzuschicken. So findet ein anderes Bild vom Bundeskanzleramts-Fotografen Andy Wenzel, auf dem Christian Kern auf dem EU-Jubiläumsgipfel von der EU-Spitze applaudiert wird, während der Kanzler in dynamischer Pose eine Rede hält, im März seinen Weg in die "Tiroler Tageszeitung".

Sebastian Kurz in der Ukraine mit Grenzsoldaten

Sebastian Kurz in der Ukraine mit Grenzsoldaten

APA/DRAGAN TATIC

Sparkurs in Redaktionen nützt Inszenierung

Dass aufgrund wirtschaftlicher Zwänge immer seltener auf Pressefotografie im Ausland gesetzt wird, kann sich Sebastian Kurz als Außenminister besonders oft zunutze machen. Wenn Kurz auf Außenminister und Staatschefs aus aller Welt trifft, wird dem österreichischen Politiker auch Gehör geschenkt. Er wird ernstgenommen und sein Wort hat Bedeutung - das zumindest suggerieren die Bilder, die in "Kronen Zeitung", "Presse", "News" & Co. abgedruckt wurden: Von Sergej Lawrow, Ban Ki-moon, Hassan Rohani bis Papst Franziskus, alle lauschen dem Außenminister. Ein Bild, wie Kurz den Größen der Weltpolitik zuhört, das liefert der Fotograf des Außenministeriums nicht.

Fast absurd wird es bei einem Besuch an der ost-ukrainischen Front von Sebastian Kurz im Jänner. Der Kurz-Fotograf hält fest, wie der mit einer Sicherheitsweste bekleidete Außenminister den Frontsoldaten den Weg zeigt – auf ihrem eigenen Stützpunkt, den Kurz wohl zum ersten Mal besuchte. Das Bild landet auf dem Cover des "Standard".

Tal Silberstein bei der Festnahme in Israel.

APA/AFP/JACK GUEZ

Tal Silberstein bei der Festnahme in Israel.

Was Bilder anstellen können: der Fall Silberstein

Die Kommunikationsexpertin Petra Bernhardt meint, dass die Branche hier noch einen weiten Weg gehen müsse. Gerade was die Sensibilität gegenüber Bildern betrifft. "Man muss wissen, was man mit Bildern alles anstellen kann. Denn mit Bildern kann man eine ganze Menge anstellen", sagt Bernhardt. Als Beispiel nennt sie das von allen Medien immer wieder und fast ausschließlich verwendete Foto des SPÖ-Kampagnen-Gurus Tal Silberstein.

Das Bild zeigt Silberstein nach seiner Festnahme in Israel, im T-Shirt und mit leerem Blick. Bernhardt: "Das war ein medien-ethischer Super-GAU. Silberstein wurde von der SPÖ und auch in Medien zum Hauptverantwortlichen der Dirty-Campaigning-Affäre stilisiert, die politische Verantwortung wurde beiseite geschoben. Da ist dieses Bild natürlich eines, das sehr aussagekräftig ist. So ein Bild zu verwenden, das ist eine visuelle Vorverurteilung." Und das Schlimmste, so Petra Bernhardt: Es sei über diese Sache praktisch nicht diskutiert worden.

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Kobuk - Wie die Presse die PR-Bilder von Kurz und Kern apportiert

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