Heinrich Böll

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100 Jahre Heinrich Böll

Der 100. Geburtstag von Heinrich Böll wird schon seit Beginn des Jahres gefeiert - mit Ausstellungen, Lesungen, Exkursionen, Filmabenden, Vorträgen und Podiumsdiskussionen - nicht nur in zahlreichen deutschen Städten, auch in Griechenland, Irland, Polen, Frankreich und sogar in Mexiko. Heinrich Böll ist Schulstoff, Namensgeber einer den Grünen nahe stehenden politischen Stiftung und als Literaturnobelpreisträger von 1972 natürlich auch eine herausragende Figur des kulturellen Erbes Nachkriegsdeutschland.

Seit seinem Tod 1985 hat es in Deutschland keinen vergleichbaren öffentlichen Intellektuellen mehr gegeben: Böll legte sich mit der politischen Linken ebenso an wie mit der Rechten, mit der katholischen Kirche oder auch mit der Presse. Werke wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder "Ansichten eines Clowns" sind heute Klassiker der Weltliteratur und Schullektüre. Aktuell zum 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers hat sein Sohn René Böll jetzt die Kriegstagebücher seines Vaters herausgegeben: "Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind", so der Titel.

Kulturjournal | 21 12 2017

Sohn und Nachlass-Verwalter René Böll im Gespräch über Anfeindungen, die Veröffentlichung der Kriegstagesbücher, Unveröffentlichtes

"Was ich am aktuellsten bei meinem Vater finde, ist seine Äußerung, sich selber eine Meinung zu bilden, unabhängig zu sein. Das ist heute sehr ins Hintertreffen geraten."

Morgenjournal | 21 12 2017

Kristina Pfoser

Die Kriegstagebücher

"Mein Vater hat eine Veröffentlichung seiner Kriegstagebücher nie in Betracht gezogen" und insofern auch "konsequent in seinem Testament von einer Publikation ausgeschlossen", schreibt René Böll im Vorwort zu dem eben erschienenen Band und er erklärt, "es ist so viel Zeit seit damals vergangen, die Menschen, die da erwähnt werden, leben heute nicht mehr und ich denke, da kann man anders damit umgehen. Es war keine leichte Entscheidung. Aber in diesen Tagebüchen sieht man Heinrich Böll als jungen Mann, bedrängt in einer schwierigen Situation."

Es sind meist nur Stichworte, Verzweiflungs- und Hilferufe des Soldaten Böll an seine geliebte Frau, Stoßgebete und Anrufungen Gottes, dazu knappe Tagesnotizen eines Einzelgängers, der sich mit Literatur von Dostojewski bis Rilke zu retten versuchte. Die oft nur schwer lesbaren handschriftlichen Einträge werden als Faksimile wiedergegeben und in einer transkribierten Fassung mit ausführlichen Anmerkungen.

Plädoyer für Gewaltfreiheit

René Böll ist ein sehr aktiver Nachlass-Verwalter, der das Andenken des Vaters lebendig halten will. Erst vor zwei Wochen hat er der Wochenzeitung "Die Zeit" einen Brief von Heinrich Böll an den RAF-Mitbegründer Horst Mahler publiziert, einen Brief, in dem Böll anno 1972 für einen Gewaltverzicht geworben hatte. "Dieser Brief macht mehr deutlich, wie sehr mein Vater gegen Gewalt war", sagt René Böll, vielleicht beendet das "diese ganze unsinnige Diskussion über den 'Spiegel'-Artikel meines Vaters aus dem Jahr 1972, die bis heute nicht aufgehört hat."

"Sympathisant des Terrors"

"Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" - das war der Titel des "Spiegel"-Artikel Heinrich Bölls am 10. Jänner 1972, der einen innenpolitischen Skandal ausgelöst hatte. Böll hatte dafür einen differenzierten Umgang mit der Terrororganisation RAF geworben und die Berichterstattung der Medien kritisiert, allen voran die "Bild"-Zeitung. In konservativen Kreisen galt Böll danach als "Sympathisant des Terrors" und wurde in Politik und Medien heftig angegriffen.

"Die ganzen Diffamierungen, denen mein Vater ausgesetzt war, das ist ihm und uns schon sehr nahe gegangen. Ich denke bis heute, dass sein früher Tod auch viel mit diesen Diffamierungen vor allem der 'Bild'-Zeitung zu tun hat. Wir geben auch bis heute der Springer-Presse keine Interviews."

Aktueller denn je

Die Themen des Heinrich Böll sind heute jedenfalls aktueller denn je: Prekariat, das Gerechtigkeitsproblem, Umweltschutz, Medienkritik und staatliche Überwachung. "Was ich bei meinem Vater am aktuellsten finde, sind seine Appelle, sich eine eigene Meinung zu bilden, unabhängig zu sein, frei zu sein", sagt René Böll. "Das ist heute doch sehr ins Hintertreffen geraten."

Service

Heinrich Böll, "Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Kriegstagebücher 1943-1945", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

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