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Radiokolleg - Tropicalismo und MPB

Montag
07. September 2015
09:45

Brasiliens Musik unter der Militärdiktatur
(1). Gestaltung: Ulla Ebner

April 1964. In Brasilien wird die Regierung durch einen Militärputsch gestürzt. Es folgen Jahre der Diktatur, Unterdrückung und Zensur. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - erlebt die brasilianische Musik in den Jahren der Diktatur eine Hochblüte. Das "Brasilianische" wird auch in der Kunst betont. Die Música Popular Brasileira (MPB) vermischt Samba mit Pop. Gespielt wird vorwiegend auf akustischen Instrumenten, denn die E-Gitarre gilt als Symbol des westlichen Imperialismus. 1967 veranstaltet eine Gruppe von Musikern in Rio de Janeiro die "Passeata contra a guitarra elétrica", eine Demonstration gegen die E-Gitarre.

Im ersten Teil dieser Musikviertelstunde erinnern sich ehemalige Widerstandskämpfer/innen, welche Musiker damals, in der Zeit der Unterdrückung, besonders große Bedeutung für sie hatten. Einer davon war Chico Buarque de Hollanda, ein Vertreter der MPB, der immer wieder auf sehr subtile Weise die Diktatur kritisierte.

Überstunden machen für eine Platte von Chico

Die Soziologin Walquiria Leao engagierte sich gegen die Diktatur. Für sie war Chico Buarque der "Poet der Bürgerrechtsbewegung".

Damals, in den späten 1960er Jahren, trat auch eine Gruppe junger Künstler in Erscheinung rund um die beiden Musiker Caetano Veloso und Gilberto Gil. Sie stammen fast alle aus dem Bundesstaat Bahía, im Nordosten Brasiliens. Auch sie greifen die kulturellen Wurzeln der brasilianischen Volksmusik auf – allerdings brechen sie mit dem Stil der MPB und vermischen traditionelle Folklore des Nordostens mit internationalem Pop. Insbesondere Gilberto Gil soll ein großer Fan der Beatles gewesen sein, von denen er sich immer wieder inspirieren ließ.

Tropicalia bzw. Tropicalismo nennen sie ihre Bewegung. In ihren Liedern üben sie versteckte Kritik am Militärregime. Als musikalisches Manifest der Bewegung gilt das 1967/68 entstandene Album "Tropicália ou Panis et Circencis", das Caetano und Gil mit zahlreichen anderen Musikern der Bewegung aufnahmen. Unter anderem mit der Sängerin Rita Lee und ihrer Band "Os Mutantes".

Die Tropicalistas verstören viele Menschen in Brasilien. Konservative Gesellschaftsschichten sind entsetzt über die ungewohnten Harmonien, die Hippie-Kostüme und das wilde Verhalten auf der Bühne. Aber auch die studentische Linke hat wenig Freude mit dem Tropicalismo. Sie verehrt Protestliedermacher, wie Geraldo Vandré, der explizit von bewaffneten Soldaten singt. Da klingen die Texte des Tropicalismo vergleichsweise harmlos und zudem unverständlich. Die versteckte Kritik der poetischen, symbolhaften Sprache sollte erst später verstanden werden.

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