Gerhard Bronner gestorben

"Lieber ist es mir, wenn sie mich Musiker nennen”, pflegte Gerhard Bronner zu sagen, wenn es um seine genaue Berufsbezeichnung ging. Man konnte sie auch in seinem Pass nachlesen. Gerhard Bronner starb am Freitag im 85. Lebensjahr.

"Kabarettist hat einen etwas fragwürdigen Beigeschmack. Man hat das Gefühl, es ist nicht ganz ernst zu nehmendes, wohingegen Musiker ist nicht so genau definierbar. Harry James war ebenso Musiker wie Benny Goodman und Beethoven. Mit diesem Schild um den Hals fühle ich mich wohler, als wenn man 'Kabarettist' sagt. Obwohl Kabarettist sein ein schwerer und verantwortungsvoller Beruf ist - aber das wissen nur wenige."

Obwohl für Gerhard Bronner stets die Musik den größeren Stellenwert in seinen Arbeiten einnahm, hat gerade er das österreichische Nachkriegskabarett entscheidend mitgeprägt. Am Freitag ist Gerhard Bronner im 85. Lebensjahr gestorben.

G'schupfter Ferdl frisch gestrichen

Gerhard Bronner, Jahrgang 1922, war bis zuletzt als Musiker und Kabarettist aktiv. Ob Sommer-Open-Air, Silvestergala oder Kleinkunstabende - auf die Frage, ob das alles nicht zu anstrengend würde, antwortete er stets: "Was soll ich sonst machen? Ich hab ja nix anderes gelernt.". Und so blieb ihm die Bühne nicht nur sein Leben lang vertrauter Ort, er ließ dort auch seinen "g'schupften Ferdl" in Würde altern.

Antisemitismus in Wien

An das Wien seiner Kindheit und Jugend hatte der Kabarettist wenig gute Erinnerungen: "Als ich zwölf Jahre alt war, kam das 34er Jahr und der Bürgerkrieg, es gab den oft gar nicht mehr latenten Antisemitismus, der mir sehr viel zu schaffen machte. Nachträglich wundere ich mich heute noch über die Tatsache, dass ich 1938 als 15-jähriger Bub den Mut hatte, allein, ohne Pass, ohne Geld, schwarz über die Grenze zu gehen, und das hatte zur Folge, dass ich als Einziger meiner Familie diesen Krieg überlebte. Ich habe alle Verwandten verloren."

Kein Blatt'l vorm Mund

Die Jahre im Exil hatte Gerhard Bronner in Brünn, London und Palästina zugebracht - als Straßensänger, Barpianist, Plantagenarbeiter und Radiomacher. Die erste Zeit im Nachkriegs-Wien verdiente er sein Geld als Klavierspieler und Entertainer.

Gerhard Bronner blieb, lernte Helmut Qualtinger, Carl Merz und Michael Kehlmann kennen, und wenig später entstand deren erstes gemeinsames Kabarett-Programm mit dem Titel "Brettl vor'm Kopf". Darauf folgten legendäre Produktionen, wie "Blatt vor'm Mund", "Brettl vor'm Klavier", "Glasl vor'm Aug'" und "Spiegel vor'm G'sicht", bei denen unter anderen auch Louise Martini, Georg Kreisler und Peter Wehle mitwirkten.

Gerhard Bronner bescherte diesen Programmen des bis heute namenlosen Ensembles einige unvergessliche Chansons. Zusammengesetzt aus treffenden Milieucharakterisierungen, präzisen Pointen und ins Ohr gehenden Melodien sind diese Lieder mit Recht als Klassiker in die österreichische Kabarettgeschichte eingegangen.

"Wir haben uns kein wie immer geartetes Blatt vor den Mund genommen. Natürlich haben wir auch reine Unterhaltungsnummern geschrieben. Der 'Bundesbahnblues' ist keine Polemik. Aber schon der 'Wilde mit seiner Maschin'' war keine politische Polemik, aber die Nummer richtete sich gegen eine gewisse Haltung des damaligen Nachwuchses und dessen falsch gewählte Ideale".

Nach Ende der Zusammenarbeit des namenlosen Ensembles 1961 gingen dessen Mitglieder ihre eigenen künstlerischen Wege. Gerhard Bronner, damals Direktor des "Neuen Theaters am Kärntnertor", überließ seine Bühne zeitweise jungen Talenten, wie Dolores Schmidinger, Marianne Mendt und Herwig Seeböck.

Die Wanderjahre

Nach Beendigung seiner Theater-Projekte ging Gerhard Bronner gemeinsam mit Peter Wehle auf Welttournee. Auch in den noch relativ neuen elektronischen Medien der 1960er und 1970er Jahre war Gerhard Bronner höchst aktiv. Für das Fernsehen entwickelte er Sendungen wie das "Zeitventil" und "Die große Glocke". Im Radio betreute er 23 Jahre lang eine Musiksendung, die er "Schlager für Fortgeschrittene" nannte. Gemeinsam mit Lore Krainer und Peter Wehle hob er 1978 die kabarettistische Wochenschau "Guglhupf" aus der Taufe, die er zehn Jahre begleitete.

Im Sommer 1988 verließ Gerhard Bronner Österreich als ein - wie er es formulierte - von der Steuer "Ausgewandert-Wordener". Fünf Jahre verbrachte er in Florida, dann kehrte er wieder zurück und siedelte sich in Wien-Leopoldstadt an. Auf den Kleinkunstbühnen des Landes war er seither mit seinen Kabarettklassikern ebenso zu sehen wie mit dem neu zusammengestellten Programm "Tränen gelacht", Reflexionen über den jüdischen Humor.

Eine Tragödie zum Lachen
"Wenn man die Leute, die einen peinigen, schon nicht wegbringt, dann tut es gut, sich ein bisschen über sie lustig zu machen. Und das betrifft nicht nur die Leute, sondern das betrifft auch die Nöte, in denen man zu leben hat. Man kann sie nicht wegradieren, aber man kann sie - für kurze Zeit - weglachen. Und das funktioniert - eine Tragik so zu formulieren, dass man darüber lachen kann."

Mit dem Musiker, Autor, Kabarettisten und Komponisten Gerhard Bronner hat das österreichische Kabarett einen seiner ältesten Protagonisten und Wegbereiter verloren.

Mehr zu Gerhard Bronner in oe1.ORF.at
Nachruf
Der tausendste Guglhupf
Die Eden Bar

Mehr zu Reaktionen in ORF.at

Hör-Tipps
Österreich 1 ändert in memoriam Gerhard Bronner sein Programm:
Guglhupf, Sonntag, 21. Jänner 2006, 9:30 Uhr

Menschenbilder, Sonntag, 21. Jänner 2006, 14:05 Uhr

Contra, Sonntag, 21. Jänner 2006, 22:05 Uhr

Spielräume, Montag, 22. Jänner 2007, 17:30 Uhr

TV-Tipps
Live-Themenabend "Kein Blattl vor'm Mund - In memoriam Gerhard Bronner", Samstag, 20. Jänner 2007, 21:55 Uhr, ORF 2

"Ein Abend mit Gerhard Bronner", Samstag, 20. Jänner 2007, ca. 23:25 Uhr, ORF 2

Von Beruf: Bronner, Sonntag, 21. Jänner 2007, 10:15 Uhr, 3sat

Treffpunkt Kultur, Montag, 22. Jänner 2007, 22:30 Uhr, ORF 2

Links
Österreichisches Kabarettarchiv - Gerhard Bronner
tv.ORF.at
3sat