Die Gegenstimme zu Goethe und Schiller

Jakob Michael Reinhold Lenz

Jakob Michael Reinhold Lenz war der Außenseiter par excellence. Bei dieser Qualifikation sollte man es aber nicht bleiben lassen, denn Jakob Michael Reinhold Lenz hat ein gewaltiges Oeuvre vorgelegt, das man nicht nur an dem Goethes messen sollte.

"Der Hofmeister" ist eines der wichtigsten Stücke von Lenz.

Von Jakob Michael Reinhold Lenz hat man immer gesagt, er sei der "Schatten Goethes" gewesen, ein Zeitgenosse Goethes, fast genauso alt wie er. Man hat daher immer wieder die Texte des Lenz an denen Goethes gemessen, doch das führt in die Irre. Auf der anderen Seite muss man sehr wohl sagen, dass Goethe eine bedeutende Rolle im Leben von Lenz spielte.

Interessant für uns ist, dass dieser Autor Lenz wahrscheinlich eine der hintergründigsten Spiegelungen erfährt und zwar in Goethes "Torquto Tasso", wo wir ja dieselbe Situation haben wie am Weimarer Hof, und dieser Tasso, der ja auch ein extrem neurotischer Fall ist, dieser Tasso dürfte nicht nur die Züge Goethes selbst haben. Goethe selbst hat ja gesagt, dass das "ein Stück von seinem Fleische" sei, aber er dürfte sehr wohl auch die Züge von Lenz haben, der in einer höfischen Gesellschaft nicht ankommen kann. So ist der Fall Lenz wohl mehr als nur eine Episode in Goethes Leben.

Mitten im Sturm und Drang

Lenz' Stücke "Der Hofmeister" von 1774, "Der neue Menoza" ein Jahr später, für dessen Druck Goethe sich einsetzte, und 1776 "Die Soldaten" sind Beispielstücke für die Dramaturgie des Sturmes und Dranges. Aber Lenz ist der radikalste Dramatiker unter den Stürmern und Drängern, also jener jungen Generation, die in den 1770er Jahren die Bühnen eroberte, allen voran der junge Goethe mit seinem "Götz von Berlichingen", aber auch Klinger mit seinem Drama "Sturm und Drang" oder etwa Heinrich Leopold Wagner mit seiner "Kindermörderin". Das waren die Stücke, die damals gespielt wurden, sozialkritische Dramen, aber Lenz ist ihnen allen, was die Dramaturgie betrifft, was die Praxis der psychologischen Analyse seiner Figuren betrifft, einen großen Schritt voraus.

Lenz war auch ein Übersetzer, er hat fünf Stücke des Plautus übersetzt, des bedeutenden römischen Komödiendichters, der die europäische Komödiendichtung über Jahrhunderte bestimmte bis hin zu Molière, aber Molière hat natürlich diese etwas "rüpelhaften" Komödien des Plautus verfeinert. Lenz ist anders, er bleibt bei diesem Rüpelhaften der Komödien, transponiert alles in ein deutsches Milieu, ändert die Namen und macht daraus dramaturgisch höchst effektvolle Szenen. Es ist also diese Bearbeitung durchaus auch im Sinne des deutschen Volkstheaters, der Volkskomödie zu sehen und nicht so sehr im Sinne der Verfeinerung, wie sie die Praxis in Frankreich etwa vorsah. Diese Leistung von Lenz als Übersetzer und Bearbeiter ist bis jetzt kaum hinlänglich gewürdigt worden.

Begnadeter Theoretiker

Lenz glänzte vor allem als Theoretiker, der sich um das Theater bemühte, um Formen des Theaters und zwar in einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit Shakespeare, vor allem aber auch mit Lessing und mit Aristoteles. Aristoteles hatte ja in seiner Poetik das vorgegeben, was eine Tragödie zu sein hatte. Lessing war ihm darin gefolgt, also die Tragödie als Emanation des Schicksals "versinnlicht" sich, da verdeutlicht sich das Schicksal. Furcht und Mitleid, dieses Duo sollte die Charaktere bestimmen.

Lenz geht anders vor. Lenz interessiert nun nicht, was das Schicksalhafte an den einzelnen Figuren ist, Lenz interessiert sich für die Psychologie seiner Gestalten, Nachahmung der Natur, das ist das Entscheidende für ihn, das heißt er konstruiert seine Handlungen von den Figuren her, die er auf die Bühne bringt, und gestaltet seine Dramaturgie vom Innenleben seiner Figuren heraus.

Von Brecht wieder entdeckt

Ein Markstein in der Rezeption von Lenz ist Bertold Brecht, der den "Hofmeister" neu auf die Bühne brachte, und zwar im Jahre 1950 mit einer ganz deutlichen Absicht. Brecht prangerte die Unterdrückung Lenzens durch die Literaturgeschichte an. Er hat gesagt, den hat man eliminiert, einfach weil er viel zu deutlich über die gesellschaftlichen Zustände im 18. Jahrhundert in seinem Werk Auskunft gab, und man hat sich eben an den klassischen Kanon gehalten.

Brecht, der ja immer auf der Suche nach dem Widerborstigen und Nicht-Einvernehmbaren war, hat auf Lenz hingewiesen und hat in seiner Bearbeitung des "Hofmeister" das, was er die "deutsche Misere" nannte, vor allem zum Ausdruck gebracht. Der Hofmeister, der sich selbst entmannt, der also gewissermaßen den Gegensatz von staatlicher Verwaltung und individueller Entwicklung am eigenen Leibe auszutragen hat, Lenz hat diesen Hofmeister zur Symbolfigur für Deutschland gemacht. In einem etwas "holzschnittartigen" Epilog hat Brecht auch die Moral, die er Lenz' Stück unterstellt, zum Ausdruck gebracht. Der Hofmeister spricht:

Der Adel hat mich gut trainiert, zurechtgestutzt und exerziert. Dass ich nur lehre, was genehm, da wird sich ändern nichts indem. Will's euch verraten, was ich lehre: das ABC der deutschen Misere.

Damit hat Brecht ja nicht nur den Hofmeister gemeint, sondern das deutsche Schulsystem insgesamt. Die Frage, ob wir nun, mehr als 50 Jahre nach Brechts Bearbeitung, schon viel weiter sind, die muss jeder für sich beantworten.

Gegenpol zur Tradition

Lenz ist nicht mehr nur der große Außenseiter, er ist der notwendige große Gegenpol zu dem, was die deutsche Literaturtradition für ganze Generationen bedeutete. Die deutsche klassische, die deutsche romantische Tradition - Lenz ist die Antwort auf diese Tradition. Eine Antwort, die sich so leicht nicht einvernehmen lässt.

Links
Wikipedia - Jakob Michael Reinhold Lenz
Projekt Gutenberg - Lenz zum Nachlesen
Forschungsstelle J. M. R. Lenz

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