Buchstabe für Buchstabe für Buchstabe

Der Autor Gerhard Maria Rossmann ist durch eine fortschreitende Erbkrankheit blind, gehörlos und fast vollständig gelähmt. Seine Kommunikationsmöglichkeiten sind extrem eingeschränkt. Er kommuniziert trotzdem und schreibt Gedichte und Prosatexte.

Ich, der ich mich schon seit 1987 übergangen fühle. Seit damals hat sich alles optisch Wahrnehmbare meinen Augen versagt. Außer hell und dunkel, Berührungen und natürlich auch akustischen Fragwürdigkeiten kann ich leider nichts mehr wahrnehmen. Meine Augen haben mich selbst belogen. Seit 1999 aber ist mein Gehör von undefinierbaren Ohr- und Kopfgeräuschen überlagert, welche mich isolieren möchten.

Blind, gehörlos, gelähmt

Als Gerhard Maria Rossmann im Jahr 1964 zur Welt kommt, weiß noch niemand, dass er eine fortschreitende Erbkrankheit hat, die Friedreich'sche Ataxie. Beim dreijährigen Kind wird die Krankheit diagnostiziert, und im Lauf der Jahre erlischt eine Körperfunktion nach der anderen. Als wolle er einen Kontrapunkt zum körperlichen Verfall setzen, ist sein Geist außerordentlich rege. Der Hauptschüler Gerhard schreibt Texte, die seine Lehrerin als intellektuelle Herausforderung empfindet.

Heute ist Gerhard Rossmann 43. Er ist blind, gehörlos und fast vollständig gelähmt. Sprechen kann er noch, wenn auch die Lähmung das Sprechen schwer macht und er sich selbst nicht hören kann. "Wenn ich spreche, spüre ich das am ganzen Körper", sagt Gerhard Rossmann. Aber er weiß nicht, ob ihm gerade jemand zuhört.

Neue Kommunikationsform
Seine Freundin Marion Küng hat vor rund zehn Jahren eine Möglichkeit gefunden, mit Gerhard Rossmann zu kommunizieren. Sie schreibt das, was sie ihm mitteilen möchte, auf die Stirn - Buchstabe für Buchstabe. Bevor sie Gerhard durch ihre Idee wieder das Kommunizieren ermöglicht hat, wurde er als geistig behindert angesehen.

Als er nicht mehr reagierte, wenn man ihn ansprach, nahmen Bekannte und auch Betreuer an, er würde jetzt eben auch geistig abbauen. Der wahre Grund war, dass sein Gehör extrem schlecht geworden war und laute Ohrgeräusche ihn von der Außenwelt abgeschnitten hatten.

Lesen
Solange er noch sehen konnte, widmete sich Gerhard Rossmann seiner größten Leidenschaft noch selbständig: der Literatur. Als seine Augen den Dienst versagten, musste er sich vorlesen lassen. Nun, da er auch nicht mehr hören kann und seine Hände gelähmt sind, daher keine Blindenschrift lesen können, ist das Lesen extrem schwierig geworden.

Marion Küng und andere Freundinnen und Freunde wollen es ihm ermöglichen - und sie schreiben ihm Texte, ganze Bücher auf die Stirn. Mehrere Jahre dauert es, bis Gerhard auf diese Weise ein Buch seines Lieblingsautors Siegfried Lenz lesen kann.

Schreiben
Doch das Lesen ist nur ein Teil seiner Literaturbegeisterung. Gerhard Maria Rossmann hat schon als Kind Geschichten geschrieben und er schreibt bis heute - trotz widrigster Umstände. "Ich versuche, mich auszudrücken", sagt er, "und wenn es mir mittels einen Textes gelingt, mich auszudrücken, bin ich sehr froh. Ich versuche im übrigen, meinen Texten so eine gute Form wie möglich zu geben."

Er will als vollwertiger Autor wahrgenommen werden - nicht als einer der schreibt, um sein Schicksal zu bewältigen. Vier Bücher hat er schon veröffentlicht, zwei davon sind vergriffen.

Den Text im Kopf speichern
Wenn Gerhard Maria Rossmann Glück hat, ist gerade jemand bei ihm, wenn ihm ein Text einfällt - denn dann kann er ihn gleich diktieren. Marion Küng hat daher immer Block und Bleistift in der Tasche, wenn sie mit ihm spazieren geht oder ihn besucht. Oft genug muss er seine Ideen aber für sich behalten, bis jemand Zeit findet, seine Gedanken und Formulierungen zu Papier zu bringen.

"Die längste Geschichte, die ich geschrieben habe, war 20 Seiten lang", erzählt er. Dann sind die Texte immer kürzer geworden. Nicht den Faden zu verlieren, wenn ein Text ausschließlich im Kopf festgehalten werden kann, ist eine hohe Anforderung an einen Autor.

nachtgedanken
plötzlich erwachen
nicht mehr einschlafen
können
und denken
wachen
und denken
bis es dämmert
und dann denken
es habe sich gelohnt
wenn der gedanke
noch im kopf ist
(Gerhard Maria Rossmann)

Hör-Tipp
Moment - Leben heute, Montag, 21. Mai 2007, 17:09 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at