Eklektizismus als Grundprinzip

Franz Reisecker alias Lichtenberg hat Punk, Rock, Funk und Jazz gespielt. Er zählt zu jenen Musikern, die mit Können und Innovationswillen den heimischen Pop jenseits von Mainstream und Lokalkolorit international konkurrenzfähig gemacht haben.

Lichtenberg: "Stranded"

Seit zehn Jahren arbeitet der gebürtige Oberösterreicher Franz Reisecker als Profimusiker und hat in verschiedenen Formationen bewiesen, dass man stilistisch auf unzähligen Hochzeiten tanzen und dabei dennoch einem Prinzip treu bleiben kann: nämlich im wahrsten Sinn des Wortes mitreißende Musik zu machen. "Don't Let Them Down" heißt die neue CD von Franz Reisecker, der sich bei seinen Soloprojekten Lichtenberg nennt.

Wer, wie der eine oder andere Musikkritiker, glaubt, Reisecker habe etwas mit dem deutschen Physiker und Dichter Georg Christoph Lichtenberg am Hut, der irrt. Er kenne, sagt er, bloß eine Frau, die so heiße. Bloß nicht zu kopflastig werden!

Erfolge mit Trio Exklusiv

Klar, ein gewisses Understatement gehört zur mentalen Grundausstattung eines Gitarristen, der vom Punk und Rock kommt und der Ende der neunziger Jahre mit dem Trio Exklusiv die gefragteste Elektro-Jazz-Formation des Landes mitgründete. Die vier Musiker, die sich gegen jede Logik als Trio bezeichneten, traten sogar beim Jazzfestival in Montreux auf, als Stimmungskanonen sozusagen, die demonstrieren wollten, dass Virtuosität und Spaß einander nicht im Weg stehen müssen.

Mit dem Trio Exklusiv hat Franz Reisecker zwei CDs aufgenommen und viele Konzerte absolviert. Damit war zwar Geld zu verdienen, trotzdem hat er die Formation 2006 verlassen, um sich ganz auf das Projekt Lichtenberg zu konzentrieren.

Interessante Gäste

Für seine neue CD "Don't Let Them Down" hat er eine Reihe von Gastmusikern eingeladen: Markus Binder von Attwenger, Oliver Welter von Naked Lunch, den Elektronikmusiker Christof Kurzmann oder die Wiener Elektrochansonniere Eva Jantschitsch alias Gustav.

Stilistisch will sich Reisecker nicht festmachen lassen, überhaupt gehört Eklektizismus zum Grundprinzip seiner Arbeit. Erstens: Alles was Töne macht, ist erlaubt, egal, ob es sich um ein echtes Instrument oder einen Computer handelt. Zweitens: Kein Stil ist besser als ein anderer. Drittens: Erfinde dich mit jedem Album neu.

Das Einfach ist schwierig

Das heißt nicht, dass sich Franz Reisecker mit allen Mitteln der Dekonstruktion gegen die Verlockung stemmt, einen guten, einfachen Popsong in die Welt zu setzen. Im Gegenteil: "Ich würde gern eine richtige Popplatte hinknallen", sagt er und fügt hinzu: "Die einfachsten Sachen sind aber die schwierigsten. Sonst hätte jeder ständig einen Hit."

Und so finden sich auf seiner neuen CD viele Beinahe-Hits, exzellente Popsongs, allerdings mit zu vielen Brüchen und Kanten, um dem Mainstream zu entsprechen. Denn Schönheit ist nur die dünne, glatte Haut, die sich über das Abgründige spannt. Dort muss man sich weniger ansehnliche Wesen an schroffe Wände gekrallt vorstellen, die heißen zum Beispiel Angst oder Ekel oder Wut. Und wie so eine Haut spannen sich die warmen Klänge des Synthesizers über die manchmal fahrigen Rhythmen des Schlagwerks und die durchwegs gebrochenen und immer ein wenig neben den scheinbar richtigen Tönen liegenden Stimmen von Franz Reisecker und seinen Gästen.

Zwischen Schönheit und Abgrund
Und möchte man doch einen Dichter herbeizitieren, dann trifft auf Lichtenbergs am ehesten Rilkes berühmter Vers aus den Duineser Elegien zu: "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen."

Musik zwischen Schönheit und Abgrund: "Don't Let Them Down", die neue CD von Franz Reisecker alias Lichtenberg ist auf Reiseckers eigenem Label Schiff Ahoi erschienen.

Hör-Tipp
Spielräume, Mittwoch, 1. August 2007, 17:30 Uhr

CD-Tipp
Lichtenberg, "Don't Let Them Down", Schiff Ahoi Schallplatten

Link
Lichtenberg