Urak Lawoi

Die Urak Lawoi sind thailändische Seenomaden. 1972 wurde ihr hauptsächlicher Lebensraum von der Regierung zum Nationalpark erklärt. Ihr neuer Siedlungsraum, die Insel Koh Lipe, wird vom Tourismus überrollt. Boden und Wasser werden langsam knapp.

Antje Siegel über die Probleme durch den Tourismus

Früher standen die Hütten der Seenomaden oder Urak Lawoi, wie sie sich selber nennen, am Strand. Sie konnten ihre Boote beobachten, Wasser abschöpfen und das Spiel der Gezeiten im Auge behalten. Heute leben die meisten im Hinterland. Sie wurden verdrängt, weil gefinkelte Unternehmer ihnen ihre Strandgrundstücke billig abkaufen, um Tauchstationen und Hotels zu bauen. Wie lange sie noch auf ihrer kleinen Insel Koh Lipe, an der südlichen Westküste Thailands ganz nah an der Grenze zu Malaysien bleiben können, ist ungewiss.

Von Insel zu Insel ziehen

Vor ungefähr 100 Jahren sind die Urak Lawoi von Aceh, Nordsumatra, nach Thailand geschippert. Sie sind von Strand zu Strand gezogen und haben sich vorwiegend von Fischen ernährt. 1972 wurde das Adang Archipel, zu dem auch Koh Lipe zählt, zum Nationalpark erklärt. Die "Menschen des Meeres" sollten ans Festland umgesiedelt werden. Da aber griff das thailändische Königshaus ein: Die damalige Königinmutter schenkte den Urak Lawoi die bezaubernde Insel Koh Lipe. Landpapiere wurden ausgeteilt, aber die Bedeutung dieser Urkunden war den Insulanern nicht klar. Sie können weder lesen noch schreiben und Besitz als solcher ist ihnen fremd.

Müllberge und neugierige Touristen

Schmale Sandwege führen fein säuberlich ums Dorf herum. Umleitungen sozusagen, die verhindern sollen, dass Touristen quer durch die Gärten der Insulaner latschen. In der Saison kommen auf der drei Quadratkilometer kleinen Insel 1.000 Touristen auf 800 Urak Lawoi. Zu viele Ressorts spülen ihre Abwässer in ausgehobene Gruben. Das Grundwasser ist verseucht. Stinkende Müllberge türmen sich rund um die Wellblechsiedlung. Irgendwann werden sie verbrannt, ein anderes Müllbeseitigungssystem gibt es nicht. Zu teuer ist der Transport von Aluminiumdosen, Glas- und Tonnen leerer Plastikflaschen.

Massenfischerei und Taucherunfälle

Massenfischerei ist in Nationalparks verboten oder reglementiert. Trotz der schützenden Aufgabe eines solchen Parks, sind viele Korallen abgestorben, Schildkröten fast ausgestorben und Fische nur durch riskante Manöver zu fangen. Die Seenomaden tauchen mit Schläuchen, die sie mit Sauerstoff vom Deck des Bootes aus versorgen, bis zu 40 Meter tief und das zwanzig Mal am Tag. Viele enden im Rollstuhl oder haben Lähmungen die sie arbeitsunfähig machen.

"Noch vor ein paar Jahren sind armlange Fische bis zum Strand geschwommen. Unsere Reusen waren in der Nähe des Ufers platziert und ständig voll", erinnert sich Pa Labo, der Inselälteste und Schamane. Er und seine Söhne können die Kredite, die ihnen ihr chinesischer Händler für ihre Longtail-Boote gewährt, nicht zurückzahlen. Sie sollen umziehen. Ihre Häuser abreißen und im Dorf aufstellen. So will es der Händler, einer der größten Ressortbesitzer von Koh Lipe.

Viele sind verzweifelt und suchen ihr Heil im Alkohol. Ein Leben zwischen Tourismus, Korruption und Leibeigenschaft treibt die "Menschen des Meeres" in eine scheinbar auswegslose Situation.

Hör-Tipp
Hörbilder, Samstag, 8. September 2007, 9:00 Uhr

Buch-Tipp
Milda Drüke, "Die Gabe der Seenomaden - Bei den Wassermenschen in Südostasien", National Geographic, Verlag Frederking & Thaler, ISBN 389405218X

Links
GEA (Associazione Internationale per lo studio e la conservazione degli Ecosistemi, Universität von Padova)
Völkerkunde Museum Wien
UNESCO