Erinnerungen an Czernowitz

1918 wurde Hedwig Brenner in Czernowitz geboren, in diesem Jahr feiert sie ihren 90. Geburtstag. Gefeiert wird in diesem Jahr auch in Czernowitz, das heute Cernivcy heißt, zur Ukraine gehört und mittlerweile 600 Jahre alt ist.

60 Jahre glückliche Ehe

Die Geschichte der Stadt Czernowitz, der Hauptstadt des ehemaligen habsburgischen Kronlandes Bukowina, ist wechselvoll. Sie stand unter türkischer Oberhoheit, kam 1774 zu Österreich, 1918 zum Königreich Rumänien. 1940 zogen die russischen Truppen ein, 1941 wurde die Bukowina von Rumänen zurückerobert, 1944 befreite die Rote Armee Czernowitz, 1990 wurde aus der Ukrainischen Sowjetrepublik der selbstständige Staat Ukraine.

Jiddisch, Deutsch, Rumänisch, Russisch - mit vielen Sprachen sind die Czernowitzer aufgewachsen, mit vielen Sprachen haben sie immer gelebt. Paul Celan, Rose Ausländer, Itzig Manger - viele namhafte Schriftsteller stammen aus Czernowitz.

Am 27. September 1918 wird Hedwig Brenner in Czernowitz geboren, in jenem Jahr, in dem die Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg zurück an Rumänien fiel. Die Prägung durch die Zeit der k. k. Monarchie ist noch überall spürbar in der Stadt.

Unvergessliche Zugfahrt am 11. März 1938

Hedwig Brenner wollte Czernowitz nach der Matura verlassen um im Ausland zu studieren. Im September 1937 kommt sie nach Wien. Sie ist 19 Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Tante Klara und deren Tochter Else, die später als Pianistin unter dem Namen Elsa Gross bekannt wurde.

Als ein Onkel, der in Genf lebt, ihr eine Einladung schickt, steigt sie wieder in den Zug. Noch heute schwärmt sie von der Schönheit der Stadt. Noch bevor ihr Reisebillet abläuft, fährt sie am 11. März 1938 zurück nach Österreich. Studenten im Zugabteil legen ihr Geld zusammen, damit die junge Studentin nicht aus dem Zug geworfen wird. Der Schaffner hatte ihr Ticket kurzfristig für "ungültig" erklärt - Juden sind in Österreich nicht mehr erwünscht.

"Heute gehört uns Europa, und morgen gehört uns die Welt" sangen die Hitlerjungen in Chören auf den Wiener Straßen, am Abend des 11. März 1938. "Alle Wiener trugen kleine Hakenkreuze am Revers. Jene, die keine Abzeichen trugen, waren Juden" erinnert sich Hedwig Benner. "Die Straßen Wiens waren überfüllt von einer begeisterten Menschenmenge, die, wie in einem Rausch, die Wirklichkeit unter den Füßen verloren hatte. Der Traum von "einem Volk, einem Reich und einem Führer, ohne Arbeitslosigkeit und ohne Juden" wurde endlich greifbar. Dachten sie."

Rückkehr nach Czernowitz

Hedwig Brenner fährt am 12. März 1938 zur rumänischen Gesandtschaft. Sie möchte zurück in ihre Heimat, ins - damals rumänische - Czernowitz. 1940 kommt es zu einem neuen Umbruch. Die Sowjetunion besetzt die Nordbukowina.

Hedwig Brenner erinnert sich noch an jenen Nachmittag am 26. Juni 1940 als plötzlich das Radioprogramm mit einer Nachricht unterbrochen wurde: "Auf Grund des Abkommens zwischen dem deutschen Reich und der Sowjetunion unterzeichnet von den Außenministern von Ribbentrop und Molotow, werden die Provinz Bessarabien und der nördliche Teil der Bukowina an die Sowjetunion abgetreten. Die Übername erfolgt am 28. Juni 1940".

Das einst türkische, später österreichische, dann rumänische Czernowitz wird russisch. Ein Leben unter dem Sowjetstern beginnt.

Dornengespickter Weg in die Freiheit

1941 wird die Nordbukowina von Rumänien zurückerobert. Es kommt zu Massenmorden an Juden, in Czernowitz wird ein Ghetto eingerichtet. Zehntausende Menschen werden deportiert und ermordet. 1944 befreit die "Rote Armee" Czernowitz, die Nordbukowina verbleibt bei der Sowjetunion.

"Ob blau, taubengrau oder khaki, ich hasse Uniformen", schreibt Hedwig Brenner in ihren Erinnerungen. Viele ihrer Angehörigen und Freunde werden in den Kriegsjahren verhaftet und deportiert, zu vielen verliert sich die Spur.

"Es war ein langer, dornengespickter Weg in die Freiheit", sagt Hedwig Brenner über das Kriegsende 1945 und die Jahre danach. Sie wird Mutter zweier Söhne, besucht eine Krankenpflege-Schule des Roten Kreuzes, belegt Kurse an einem anatomisch-pathologischen Institut in Bukarest. Hedwig Brenner, die immer Medizin studieren wollte, arbeitet nach dem Krieg viele Jahre lang als Physiotherapeutin.

Lexikon jüdischer Künstlerinnen

Hedwig Brenner ist in Czernowitz aufgewachsen, in einer Stadt, in der einst viel Jiddisch gesprochen wurde. Heute lebt sie in Israel.

In Israel hat Hedwig Brenner eine bemerkenswerte Arbeit begonnen. Sie sammelte die Lebensdaten und Lebensgeschichten zahlreicher jüdischer bildenden Künstlerinnen. In drei umfangreichen Bänden liegt das Lexikon "Jüdische Frauen in der bildenden Kunst" bislang vor. Sie wollte vielen vergessenen Künstlerinnen ihren Namen, ihre Biografie zurückgeben, sagt Hedwig Brenner über dieses besondere Lexikon, das für sie noch lange nicht abgeschlossen ist. Über tausend Lebensgeschichten von jüdischen Künstlerinnen sind es bereits, und die Suche, das Recherchieren, das Sammeln geht weiter.

Hör-Tipp
Menschenbilder, Sonntag, 10. Februar 2008, 14:05 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipps
Hedwig Brenner, "Mein 20.Jahrhundert", Munda Verlag

Hedwig Brenner, "Leas Flucht. Eine Familiengeschichte, 1840-2003", Munda Verlag

Hedwig Brenner, "Jüdische Frauen in der bildenden Kunst", 3 Bände, Hartung-Gorre Verlag