Der Dämon der Opernbühne

Ein Bassist als Opernstar des Jahrhunderts, das ist ungewöhnlich. Fedor Schaljapin hat das nicht zuletzt durch seinen Hang zu einer gewissen Exzentrik geschafft, die abseits aller künstlerischen Qualitäten natürlich Aufmerksamkeit hervorruft.

Wollte man die drei berühmtesten Opernsänger des 20. Jahrhundert benennen, so kommt man eigentlich spontan auf Enrico Caruso und Fedor Schaljapin (beide Jahrgang 1873) sowie mit einem halben Jahrhundert Abstand auf Maria Callas (geboren 1923). Callas und Caruso, also Sopran und Tenor, ist ja nichts so Ungewöhnliches in der obersten Liga der Gesangskunst.

Ein Bassist hat es hingegen weit schwerer, in dieses Zentrum der Popularität vorzudringen, ja selbst bei Opernbanausen einen entsprechenden Bekanntheitsgrad zu erlangen. Fedor Schaljapin hat das nicht zuletzt durch seinen Hang zu einer gewissen Exzentrik geschafft, die abseits aller künstlerischen Qualitäten natürlich Aufmerksamkeit hervorruft.

Mefistofele nackt

So ist Schaljapin beispielsweise 1901 an der Scala (neben Caruso und unter Toscanini) als Mefistofele nahezu nackt aufgetreten - ein Skandal war also vorprogrammiert, aber "der Teufel im Kostüm wird nie wie der echte Satan wirken", meinte Schaljapin und ließ sich seinen Körper mit einer leuchtenden Metalllegierung bestreichen - Regietheater von anno dazumal.

Teuflische Gewalt

"Schaljapin war hier" schrieb Maxim Gorki in einem Brief über seinen späteren Freund und schildert darin eindrucksvoll die geradezu magische Wirkung, die sowohl auf der Bühne wie auch im Konzertsaal stets von diesem Ausnahmekünstler ausgegangen ist: "Dieser Mensch ist gelinde gesagt ein Genie. Da ist etwas Ungeheuerliches, das sich mit einer erschreckenden, teuflischen Gewalt die Menge untertan macht... Sogar wenn er den ganzen Abend nichts anderes sänge als 'Herr, erbarme dich!' ... diese Worte versteht er so zu singen, dass sie der Herr, falls es ihn gibt, unbedingt sofort vernehmen wird und sich augenblicklich eines jeden und jeglichen erbarmt oder die Erde in Staub und Asche verwandelt.“

Anfänge und Aufstieg

Geboren wurde Fedor Schaljapin am 11. Februar 1873 in Ometewa, in der Nähe der tatarischen Hauptstadt Kasan, in erbärmlichen familiären Verhältnissen. Freude am Singen fand er erstmals im Kirchenchor, ein Theaterbesuch beeindruckte ihn schließlich so stark, dass ihn das Erlebte fast um den Verstand gebracht hat, wie er später gestand. "Der Vorhang fiel" schrieb er "aber ich befand mich wie in einem Traum, der wirklich werden sollte, ja musste. Ich stand buchstäblich neben mir."

Bereits mit 16 hat er sich einer Operettentruppe angeschlossen, ist dabei schrecklichen Depressionen verfallen, traf durch Zufall schließlich auf einen ausgezeichneten Gesangslehrer und konnte so 1893 in Tiflis sein reguläres Debüt geben. Nächste Station war dann bereits St. Petersburg, es folgte die Hofoper in Moskau, wo er gleich eine gigantische Gage beansprucht hat, und parallel dazu entwickelte er auch eine internationale Karriere: An der Scala, an der MET, in der ganzen Welt war Schaljapin gefragt und das gab ihm später auch eine gewisse Sicherheit, denn mit der Revolution zerfiel im Grunde genommen auch seine Welt.

1921 hat er zum letzten Mal in seiner Heimat gesungen, die er danach nie wieder sehen sollte. Ende der 1920er Jahre siedelte er sich in Paris an, wo er 1938 auch gestorben ist, fast bis zuletzt künstlerisch äußerst erfolgreich tätig.

Durchbruch für Boris

Aus heutiger Sicht ragt aus seinem weit gespannten Repertoire natürlich der "Boris Godunow" heraus, zu dessen Verbreitung in der westlichen Welt er maßgeblich beigetragen hat. Ein Livemitschnitt aus der Covent Garden-Oper in London aus dem Jahr 1928 führt uns den überragenden Menschendarsteller mit ungebremster Wucht vor Augen, lässt alle Übertreibungen und musikalischen Willkürlichkeiten sofort vergessen und zeigt uns Schaljapin quasi als "Schöpfer des Komponisten".

"Noten sind nur eine einfache Aufzeichnung", so sein Credo, "man muss sie zur Musik machen, so wie der Komponist es wollte."

Biograf Maxim Gorki
Und nochmals sein Freund und Biograf Maxim Gorki - über Schaljapins Interpretation von Mussorgskys "Flohlied": "Als er das Lied beendete - das Letzte war sein teuflisches Lachen -, saß das Publikum im Theater wie vor den Kopf geschlagen. Minutenlang - ich übertreibe nicht - saßen alle stumm und unbeweglich da, als habe man eine zähe, feste, schwere Flüssigkeit über sie gegossen, die auf ihnen lastete und sie erstickte. Die Kleinbürger hatten bleiche, angstverzerrte Gesichter bekommen.“

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 29. April 2008, 15:06 Uhr