Meine Preise

Thomas Bernhard ist mit zahlreichen Preisen überhäuft worden, der wichtigste war wohl der Büchner-Preis. Über seine Gedanken zu seinen Auszeichnungen hat Bernhard Notizen verfasst, die nun gesammelt vom Suhrkamp Verlag herausgegeben wurden.

Thomas Bernhard und seine Preise. Dieses Thema gehört ohne Zweifel zu den lustigsten Erscheinungen des österreichischen Literaturbetriebs nach 1945. Zum Beispiel die Entgegennahme nicht etwa des "Großen", nein, des – wie Bernhard immer wieder betonte – eben nur "Kleinen" Österreichischen Staatspreises für Literatur im März 1968. Bernhards Danksagung beginnt mit dem berühmten Satz: "Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich, wenn man an den Tod denkt."

Mehr brauchte es damals nicht: Der amtierende Unterrichtsminister Piffl-Percević antwortete dem Preisträger außer Programm "Wir sind trotzdem stolze Österreicher" und verließ, verfolgt von seinen Günstlingen, wütend den Saal. Die Verleihung des Wildgans-Preises der österreichischen Industrie, die drei Wochen später stattfinden sollte, wurde dann ohne Angabe von Gründen abgesagt. Der Preisträger bekam die Urkunde kommentarlos in einer "schäbigen" Papprolle zugesandt.

So weit nur zwei der vielen Bernhardsche Preisgeschichten, die man aus Statements und Berichten des Autors schon seit geraumer Zeit kennt. Als Quelle diente bislang unter anderem ein Brief, den Thomas Bernhard im Jahr 1980 an den ersten österreichischen Schriftstellerkongresses sandte, eigentlich nur, um den versammelten Dichtern auszurichten, dass er bei einem solchen Treffen schwerlich mittun könne.

Geld stinkt nicht

Jetzt nun wartet der Suhrkamp-Verlag mit einer großen Sensation auf, aber wer weiß, vielleicht ist auch das nur eine "kleine". In einer eigenen Pressemeldung jedenfalls verkündeten die Frankfurter im Herbst letzten Jahres mit einigem Pomp, dass im Nachlass des Autors ein unveröffentlichter Text mit dem Titel "Meine Preise" gefunden worden sei. Hierbei handelt es sich um ein kleines Porträt des Autors als mehr, meist aber weniger gefeierter Preisträger. Allzu lange sollte der Preissegen für Thomas Bernhard auch nicht anhalten, denn ab dem Zeitpunkt, da er es sich leisten konnte, wies er alle Auszeichnungen zurück. Und vorher nahm er die Preise, wie man jetzt erfährt, nur wegen dem damit verbundenen Geldsegen an.

Einmal beispielsweise, so schreibt Bernhard, zahlte er mit der Preissumme eine ausstehende Rate für den soeben erworbenen Bauernhof in Ohlsdorf, dann baute er mit dem Geld dort neue Fenster ein. Im Fall des Julius Campe Preises aus dem Jahr 1964 investierte der Autor - wie er schreibt: ohne eine Sekunde zu zögern - die gesamte Preissumme in ein schnittiges Auto; fuhr den weißen Triumph dann aber schon wenig später in Jugoslawien zu Schrott.

Mit gemäßigtem Zorn

Gezählte neun Preise sind es, die Thomas Bernhard annahm, der bedeutendste unter ihnen mit Sicherheit der Büchner-Preis aus dem Jahr 1970. Das editorische Nachwort des jetzt erschienenen, 140 Seiten starken Bandes "Meine Preise" müht sich redlich, aus handschriftlichen Anmerkungen auf den Typoskripten und aus indirekten Andeutungen gegenüber Siegfried Unseld eine gemeinsame Veröffentlichungsabsicht abzuleiten. So wirklich eindeutig lässt sich das aber nicht sagen. Zudem spart das Nachwort die heikle Frage aus, inwieweit eine solche Nachlasspublikation mit dem (wie wir wissen) doch recht komplexen Testament Bernhards in Einklang zu bringen ist. Aber das soll uns hier nicht weiter kümmern.

Neun Texte zu neun Preisen und in einem eigenen Anhang drei Preisreden, sowie Bernhards Austritterklärung aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, umfasst der Band insgesamt. Und neun Mal nähert sich Bernhard mit einem gegenüber seinen früheren Ausführungen doch irgendwie gemäßigten Zorn der verunglückten Sache seiner Preise an.

Auch von daher erinnern die neun Texte Bernhards an den großen Klaviervirtuosen Glenn Gould, dem der Autor in "Der Untergeher" ein Denkmal setzte. Gould hatte sich in jungen Jahren mit einer perfekt herunter gehämmerten Version von Bachs Goldbergvariationn einen Namen gemacht, und er hat dieses schwierige Werk dann knapp vor seinem Tod noch einmal in einer Altersversion eingespielt, viel langsamer, aber mit nicht weniger Emotion.

Der "Dichterling"

Ein ähnlicher Stil zeichnet Bernhards "Meine Preise" aus: Denn nicht als ein Provokateur um der Provokation willen stellt der Autor sich hier dar, sondern als ein junger und in solch festlichen Rahmungen wohl auch etwas unbeholfener Mann, der von einem ignoranten Kulturbetrieb andauernd provoziert wurde. Ein Beispiele dafür bietet die Verleihung des Grillparzerpreises, zu dem Bernhard in einem soeben erworbenen Anzug erschienen war, der ihm aber, wie er erst während der Zeremonie bemerkte, um eine Nummer zu klein war. Der Preisträger wurde beim Kommen von den Offiziellen nicht erkannt und auch nicht begrüßt. Erst als die Urkunde übergeben werden sollte, suchte man ihn fieberhaft, und die Ministerin, es war Hertha Firnberg, fragte mit unnachahmlicher Arroganz: "Ja, wo ist denn der Dichterling".

Wohin der Dichterling (noch an diesem Tag) gekommen ist, klärt Thomas Bernhard, der berühmt gewordene Autor, in seinem späten Text über diese Preisverleihung auf. Er verließ damals unerkannt den Raum und kehrte nach einem Essen in der Gösser Bierklinik zu dem Kleidungsgeschäft Sir Anthony auf dem Wiener Kohlmarkt zurück. Mit Bestimmtheit forderte er dort einen größeren Anzug, der ihm auch sofort ausgehändigt wurde.

Mit dem absurden Gedanken im Kopf, dass der zurückgegebene Anzug, was weder die Verkäufer noch sein neuer Besitzer jemals wissen würden, schon bei der Verleihung des Grillparzerpreises in der Akademie der Wissenschaften anwesend war, endet der Tag. Und auch der Text endet, ganz untypisch für Bernhard, mit einem Satz warmherziger Dankbarkeit: "Daß sie so zuvorkommend waren, werde ich den Leuten von Sir Anthony auf dem Kohlmarkt nie vergessen."

Service

Thomas Bernhard: Meine Preise, Suhrkamp 2009

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