Ohrmensch Gabriele Proy

Raum zum Klingen bringen, mit Klang Raum bauen sind die wichtigsten Stichworte zur Arbeit der Komponistin und Musikerin Gabriele Proy. Sie ist derzeit auch die Präsidentin des Europäischen Forums Klanglandschaft.

Sie sei einfach immer schon ein Ohrmensch gewesen, erinnert sich die Komponistin und Musikerin Gabriele Proy zurück. Klang war stets ein wesentlicher Erinnerungsfaktor, weshalb es eigentlich auch nur logisch sei, die klingende Umwelt in die musikalische Arbeit einfließen zu lassen.

"Es ist mir immer schon um dieses ganz, ganz intensive Hineinhören in den Klang gegangen; um dieses intensive Erleben eines Klanges, sei er nun von einem Instrument erzeugt, oder von den Ruderschlägen im Wasser", so Proy. "Es geht mir um dieses ganz Hineinversetzen in den Klang."

Der intime Klang der Gitarre

Gabriele Proy studierte Komposition, mit einem Schwerpunkt auf Elektroakustik und Gitarre, ein, wie sie schildert, leises Instrument, das ein konzentriertes Hinhören erfordert.

"Der Klang der Gitarre verschwindet schnell wieder", sagt sie. "Es gibt zwar verschiedene Techniken, mit denen man den Gitarrenklang verlängern kann, aber trotzdem braucht es immer ein ganz intensives, fast intimes Hineinhören. Möglicherweise habe ich auch gerade deshalb dieses Instrument gewählt, eben weil ich mich so sehr für die Klangumwelten interessiere."

Hörbild Waldviertel

Im Jahr 2005 realisierte Gabriele Proy auf Einladung des Österreichischen Außenministeriums für das damalige EU-Japan-Jahr ein Hörbild, das, so der Auftrag, im fernen Osten einen Eindruck von der österreichischen Klanglandschaft vermitteln sollte. Die Komponistin und Musikerin entschied sich für ein Hörbild des Waldviertels. Im Waldviertel hat Proy als Kind jedes Jahr mehrere Wochen verbracht, und auch heute noch zieht es sie immer wieder einmal dorthin.

"Ich habe mir vorher genaue Notizen gemacht, welche Klänge mir in Erinnerung kommen, wenn ich innerlich nachhöre, welche Klänge für mich das Waldviertel abbilden", erläutert Proy. "Daraufhin habe ich ganz bewusst überlegt, zu welcher Jahreszeit, an welchem Wochentag und zu welcher Tageszeit ich diese Klänge jeweils aufnehme, damit sie eben auch wirklich dieses Hörbild, das ich vom Waldviertel habe, transportieren können."

Die im Anschluss entstandene rund 20-minütige Soundscape-Komposition ist eine Tour de Force durch die vier Jahreszeiten, randvoll gepackt mit Schätzen aus dem großen Klangreichtum der Natur, mit viel Behutsamkeit gestaltet, ein hörbar genussvolles Schwelgen in wertgeschätzten akustischen Erinnerungen, das darauf Lust macht, selber mit einem Aufnahmegerät auf Entdeckungsreise zu gehen.

Gute Atmosphäre in Japan

Der Kompositionsauftrag des Österreichischen Außenministeriums für das EU-Japan-Jahr 2005 hat Gabriele Proy schließlich auch selber nach Japan geführt. Die dortige Hörkultur, erzählt sie, würde der ihren sehr entsprechen. Die Japanerinnen und Japaner versuchen das Geschehen jeweils mit allen Sinnen gleichermaßen zu erfassen.

"Es geht immer darum, welche Atmosphäre herrscht, bei einer Begegnung, Konferenz, Verhandlung oder bei einem Konzert" erzählt Proy. "Dabei wird das Geschehen immer in seinen verschiedenen Facetten wahrgenommen, es geht ums Riechen, Hören, Sehen. Deswegen ist es auch ganz selbstverständlich, die Klangumwelt wahrzunehmen, sie ist Teil des Alltags."

Kimotchi
Für das heurige Österreich-Japan-Jahr hat Gabriele Proy nun wieder vom Österreichischen Außenministerium einen Kompositionsauftrag bekommen. In den letzten Jahren ist Proy immer wieder nach Japan gereist und hat im Zuge dessen nun bereits viele Stunden Feldaufnahmen gemacht.

Aus diesen wird das Stück "Kimochi" entstehen, das im Herbst in Japan uraufgeführt werden soll. "Kimotchi" ist das japanische Wort für Gefühl, und dieser Stücktitel verweist eben auf jenes Denken in Atmosphären, das die japanische Bevölkerung so prägt, und in dem sich Proy so gut aufgehoben fühlt.

Für das Hören sensibilisieren
Gabriele Proy ist auch die derzeitige Präsidentin des Europäischen Forums Klanglandschaft, das sich für ein aufmerksameres Hören engagiert. Denn nur wer gelernt hat, auch wirklich hinzuhören, so Proy, kann Zwischentöne wahrnehmen - eine insbesondere im Kommunikationszeitalter nicht zu unterschätzende Fähigkeit.

"Deswegen halte ich Hörerziehung auch für so wesentlich", meint Proy. "Diese sollte schon im Kindergarten beginnen. Und sie sollte nicht lediglich auf ein Begreifen der Musikkultur abzielen, sondern Hörerziehung sollte ganzheitlich sein."

Hör-Tipps
Zeit-Ton, Donnerstag, 18. Juni 2009, 23:03 Uhr

Radiokolleg - Raumklang Klangraum, Montag, 22. Juni bis Donnerstag, 25. Juni 2009, 9:45 Uhr

Zeit-Ton, Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:03 Uhr

Zeit-Ton, Donnerstag, 2. Juli 2009, 23:03 Uhr

Zeit-Ton, Donnerstag, 9. Juli 2009, 23:03 Uhr

Zeit-Ton, Donnerstag, 16. Juli 2009, 23:03 Uhr

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Gabriele Proy
Europäisches Forum Klanglandschaft