TV-Debatte der Spitzenkandidaten

Die Briten wählen am 6. Mai ein neues Unterhaus und damit einen neuen Premierminister. Der Ausgang ist ungewiss wie schon lange nicht und das ist auch ein Grund, warum sich erstmals alle Spitzenkandidaten bereiterklärt haben, an einer Live-TV-Diskussion teilzunehmen. Die erste der drei "Elefantenrunden" findet Donnerstag statt.

Mittagsjournal, 12.04.2010

Gefeilsche über Ablauf

Für die Briten hingegen sind solche Debatten völlig neu. Bisher hatte der jeweilige amtierende Premierminister eine Konfrontation mit seinen Gegnern abgelehnt. Dementsprechend groß ist die Spannung. Drei Spitzenkandidaten, drei Fernsehsender, die abwechselnd Gastgeber spielen und drei Diskussionsrunden mit verschiedenen Themenbereichen. Klingt nach einem einfachen Konzept, weil die Briten aber keinerlei Erfahrung mit solchen Elefantenrunden haben, wird seit Wochen über den Ablauf gefeilscht.

76 Regeln vereinbart

Die Austragungsorte bleiben aus Sicherheitsgründen bis zum Schluss geheim, Bisher bekannt sind 76 Regeln, die Verhandlungsteams ausgearbeitet haben, um hitzige Angriffe unter den Kandidaten zu verhindern. Sie dürfen nicht miteinander sprechen sondern nur Fragen des Moderators beantworten, Ein ausgewähltes Publikum hat die Rolle des stummen Zeugen - klatschen oder gar Buhrufe sind streng untersagt.

"Wir brauchen das nicht"

"Das ist eine dumme, völlig sinnlose Übung", sagt Lord Bell, ehemaliger Berater von Margaret Thatcher. "Jeder politischer Berater weiß wie man eine solche Konfrontation neutralisiert. Das ist keine Debatte, weil niemand miteinander redet, und wir brauchen sie nicht, weil im Wahlkampf dauernd diskutiert wird."

Kandidaten im "Trainingslager"

PR-Strategin Julia Hobsbawm glaubt hingegen, dass die Zuschauer so die Möglichkeit haben, die Kandidaten und die Politik für die sie stehen, genauer unter die Lupe zu nehmen. In den Wahlkampflagern bereiten sich die Teilnehmer schon seit Wochen vor. Hobsbawm sagt der Auftritt wird nicht einfach: "Natürlich zu wirken ist eine Sache, aber sie müssen auf alles eine Antwort haben. Jedes Zucken, jedes Blinzeln wird analysiert. Sie müssen ihr Handwerk beherrschen."

Brown: Nütze die Gelegenheit

Noch Labour Premierminister Gordon Brown wirkt oft hölzern und mürrisch, eine sachpolitische Diskussion kommt ihm sehr entgegen: "Ich bin optimistisch für die Zukunft unseres Landes, und ich nütze diese Gelegenheit meine Vision vorzustellen, was wir als Land gemeinsam erreichen können. Dann müssen die Wähler entscheiden."

Cameron: Wähler sollen sich Urteil bilden

Aber auch der redegewandte Charmebolzen David Cameron von den Konservativen, glaubt durch diesen Auftritt nur Sympathien gewinnen zu können: "Ich freue mich, dass die Debatten stattfinden. Die Wähler haben ein Recht, sich die Kandidaten genau anzuschauen, die Chance auf Veränderung zu sehen und sich dann ein Urteil zu bilden."

Chance für Unbekannten

PR-Experten sind allerdings der Meinung, dass der dritte, unbekannte im Bunde, Nick Clegg, der Chef der Liberaldemokraten, am meisten profitieren wird. Seine Partei könnte das Zünglein an der Waage bei einer künftigen Regierungsbildung spielen: "Diese Debatten geben dem Wähler die Möglichkeit sich die Parteichefs genau anzuschauen, ihre Werte, ihren Charakter, ihre Politik und Urteilsvermögen. Bevor sie entscheiden, wen sie wählen."

Jedenfalls geschichtsträchtig

Umfragen aus anderen Ländern zeigen, dass Fernsehdiskussionen keinen großen Einfluss auf das Wahlverhalten haben. Aber schon allein die Tatsache, dass Großbritannien erstmals solche Debatten erlebt, wird in die Geschichtsbücher eingehen.