Musikszene Teheran

Musiker im Iran haben es schwer, Musikerinnen noch schwerer. Frauen ist es verboten öffentlich solo zu singen. Die iranische Filmemacherin Torang Abedian hat einen Film über die alternative Musikszene Teherans gedreht und bekam selbst zu spüren, was es bedeutet, als Frau im Iran unabhängig arbeiten zu wollen.

Kulturjournal, 28.05.2010

Die Interpretation von Gloria Gaynors "I will survive" zu Beginn des Dokumentarfilmes "Not an illusion" von Torang Abedian kann als Signum betrachtet werden. Es geht um Kampf, Hoffnung, Widerstand, um ein ermüdendes Musiksystem; die Kamera rückt den Protagonisten auf den Leib, ist ungeduldig, der Schnitt hart - eine undramatische Ästhetik, die gerade deshalb berührt.

"Musik ist ein fundamentaler Lebensbestandteil"

Nach einem Filmstudium in London unter Christopher Hird kehrte Torang Abedian 2003 nach Teheran zurück, um nach einigen Kurzfilmen ihren ersten Langfilm zu drehen. Als Thema wählte sie ganz bewusst die alternative Musikszene ihrer Heimatstadt.

"Die Leute sagten mir: Wie haben so viele Probleme - die Urananreicherungsdebatte, die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit, die Umweltverschmutzung - wen kümmert es da, wenn Frauen nicht singen dürfen?", fragt Abedian. "Aber für mich ist Musik ein fundamentaler Lebensbestandteil und man muss bei den kleinen Dingen beginnen. Wenn wir frei singen dürften, vielleicht wäre unsere Gesellschaft ausgeglichener. Durch die Darstellung der alternativen Musikszene in Teheran wollte ich ein Bild unserer Gesellschaft zeichnen."

Strenge Kontrollen

Im Zentrum der Dokumentation steht eine junge Sängerin, Sarah, eine ehemalige Profisportlerin. Anhand ihrer Geschichte erfährt der Zuseher von den Schwierigkeiten im Iran, als Musikerin tätig zu sein, denn seit der Revolution 1979 wird streng kontrolliert.

"Wenn du eine CD veröffentlichen willst, brauchst du eine Genehmigung", sagt Abedian. "Man muss eine CD beim iranischen Kulturministerium einreichen. Der Rat für Stimmen, der Rat für Verse, der Rat für Musik entscheidet unabhängig voneinander, ob die CD veröffentlicht werden darf. Wenn du ein Konzert geben willst, brauchst du wieder andere Genehmigungen. Früher musste man außerdem einen Stimmtest machen. Die Leute vom Ministerium entschieden dann, ob deine Stimme gut oder schlecht ist."

Iranischer Starregisseur klaut Film

Sechs Jahre lang und mit wenig finanzieller Unterstützung arbeitete Abedian an ihrem Film. 2008 machte sie einen Rohschnitt, erhielt einen Anruf von ihrem Kameramann, der preisgekrönte iranische Filmemacher Bahman Ghobadi wolle denselben sehen. Sie willigte ein. Zu dem Treffen kam es nicht. Stattdessen wechselte ihr Kamermann die Seiten und arbeitete nun mit Ghobadi, mit dem er in nur 17 Tagen ebenfalls einen Film über die alternative Musikszene Teherans drehte: "No one knows about persian cats". Torang Abedian wirft Ghobadi nun Urheberrechtsverletzung vor.

"Er hat viele meiner Ideen genommen", beklagt Abedian, "die Hauptgeschichte, die Schnittweise, die Kameraführung, manche der Dialoge sind ident. Diese Vorgehensweise hat mich verletzt. Ich fühle mich von den Leuten, die eigentlich meine Kollegen sein sollten, missbraucht."

Torang Abedians Bruder, der in Wien lebende Musiker Taha Abedian dazu: "Ich glaube, es hat auch eine Rolle zu spielen, gerade im Iran, weil wenn eine Regisseurin einen Film dreht, ist es sicher schwieriger, sich durchzusetzen in der Gesellschaft, die Glaubwürdigkeit der Frau - besonders wenn jemand fortschrittlich denkt."

Kampf um Aufmerksamkeit

Ghobadis Film wurde in 43 Länder verkauft und erhielt voriges Jahr in Cannes den Spezialpreis der Jury. Torang Abedian hingegen muss um Aufmerksamkeit kämpfen. Sie findet keine Vertriebsfirma, wird auf wenig internationalen Festivals gespielt. Sie verfasste einen öffentlichen Brief an Ghobadi, in dem sie ihn um Aufklärung bittet. Dieser ließ über seinen Assistenten ausrichten, sie solle nicht versuchen, sich in seiner Berühmtheit zu sonnen. Die iranischen Medien attackierten sie. Abedian sind die Hände gebunden.

Rechtsanwalt Michel Walter zum Urheberrechtsgesetz im Iran: "Geschützt sind im Iran nur Werke, die dort erstmals gedruckt, aufgeführt oder verbreitet worden sind. Diese Werke genießen Schutz und das sind in der Regel Werke iranischer Staatsangehöriger, aber nicht einmal das, weil wenn es sich um einen Exiliraner handelt, der in London erstmals sein Werk veröffentlich hat, genießt er im Iran auch keinen Schutz. Aber an sich nach dem iranischen Urheberrechtsgesetz, sofern ein Werk Schutz genießt, sind im Iran dafür auch Strafen, sogar höhere Strafen als in Österreich, vorgesehen. Die Frage ist halt, ob es in der Praxis durchgesetzt wird."

Und das sei nicht der Fall, so Torang Abedian. Sie versucht, ihren Film "Not an illusion" zu verkaufen und dafür zu kämpfen, dass die Stimme der Frauen und somit ihre Identität gezeigt werden darf. Derzeit dürfen Frauen nur vor engen Familienmitgliedern singen, ihnen ist es verboten, öffentlich solo aufzutreten, in Bands müssen sie von mindestens zwei männlichen und zwei weiblichen Stimmen begleitet werden. Wenn Frauen sich dem widersetzen, drohen Geld und Gefängnisstrafen. Die Protagonistin des Filmes von Torang Abedian, Sarah, übt dennoch zu Hause weiter englische Lieder, die eigentlich verboten sind.

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Torang Abedian