Stadt der Engel

Nach annähernd 15 Jahren hat die deutsche Schriftstellerin Christa Wolf wieder ein Buch fertig gestellt. "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" nennt die damals 81 Jahre alte Autorin ihr Werk, das sie in der Berliner Akademie präsentiert hat.

Die einst wichtigste Schriftstellerin der DDR erzählt auf gut 400 Seiten eine stark autobiographisch geprägte, verwobene Geschichte über das Finden zu sich selbst. Hauptschauplatz der Seelen- und Aufklärungsarbeit ist Los Angeles, wo sie kurz nach der Wiedervereinigung ein paar Monate lang gelebt hat.

Blick zurück

Es ist ein weiter und tiefer Blick zurück auf ein bewegtes Leben im 20. Jahrhundert. Wer Christa Wolfs jüngstes Werk aber als nüchternen Bericht über Kindheitstage, Kriegszeit, Leben in der DDR und Nachwendezeit lesen möchte, tut das auf eigene Gefahr.

Die Autorin lässt der Fiktion freien Lauf, auch wenn sie sich noch so sehr an deren Biographie anschmiegt. Subjektive Authentizität nennt es die 81 Jahre alte Schriftstellerin, die ihr vergebliches Streben nach einem besseren Deutschland umkreist. Ausgangspunkt ist die bittere Erkenntnis vom Untergang aller Utopien.

Eigene Fremdheit ergründen

Die Hauptfigur versucht sich in der Gegenwart, in ihrem temporären geographischen Zentrum Los Angeles, die Stadt der Engel. Sie sonnt sich an der Küste, trinkt Margaritas, beschäftigt sich mit Kunst, verbringt viel Zeit mit Holocaustüberlebenden, Intelektuellen sowie Studenten. Sie taucht gern ein in die unendlichen Weiten der Science-Fiction-Serie "Star Trek" und startet eine Mission, die eigene Fremdheit zu ergründen.

In der Distanz findet sie Nähe, die Ich-Form wählt sie für die Gegenwart, das Du im inneren Dialog lässt sie an ihrer Erinnerung arbeiten. Christa Wolf hat die DDR zunächst mit großer Hoffnung und Treue begleitet, doch schon bald gerät sie in Konflikt mit dem Staat. Die Stasi Berichte über sie füllen Dutzende Ordner. Die Staatssicherheit führt sie aber auch als eine der ihren - als IM, als informelle Mitarbeiterin, Margarete. Ein paar Seiten aus dem Jahre 1959 dokumentieren wenige, offenbar harmlose Treffen. Das Stasi-Opfer als Täterin. Von Kalifornien aus macht sie publik, was sie nicht mehr wusste.

Psychoanalytisches Vokabular

Christa Wolf schont ihre Hauptfigur nicht, den Konflikt mit sich zu suchen. Sie wägt ab, ordnet ein, relativiert, sucht nach Rechtfertigung und spiegelt das Erdachte wie Erlebte in den Leben anderer. Das psychoanalytische Vokabular von Siegmund Freud ummantelt die Selbsterkenntnis.

"Stadt der Engel" ist eine Art Fortsetzung und Ende des Christa-Wolf-Buchs "Kindheitsmuster" aus dem Jahre 1976. Oft ernst und schwer, manchmal komisch sowie selbstironisch, ein immer wieder vertracktes Wechselspiel von Fakten, Andeutungen und Erfindungen. Aus dem Kindheitsmuster ist für Wolf ein Lebensmuster geworden: "Ich glaube nicht, dass ich nochmal so ein dickes Buch schreiben werde und auch nicht dazu kommen werde. Aber wenn man es - ohne es hochzupushen - als einen Versuch, ein Lebensmuster wiederzugeben, ansieht, dann bin ich damit zufrieden", so die Autorin.

Zufrieden auch mit der intensiven, kurvenreichen Ich-Befragung nach Idealen, Irrtümern, Gedächtnis und Erinnerung. In "Stadt der Engel" verwandeln sich Zweifel und Selbstzweifel unter der Sonne Kaliforniens in vage Zuversicht.

Service

Christa Wolf, "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", Suhrkamp, wurde am 21. Juni 2010 veröffentlicht

Suhrkamp - Stadt der Engel