Performances zu Alten Meistern

Kunst, Literatur, Theater in einem: Mit dem Projekt "Ganymed Boarding" wird das Kunsthistorische Museum ab Mittwochabend zwei Monate lang zum Schauplatz von Performances zu ausgewählten Alten Meistern der Sammlung. 16 Autorinnen und Autoren haben Texte zu 16 Gemälden geschrieben.

Kultur aktuell, 14.09.2010

Mit dabei: Elfriede Jelinek, Gerhard Roth und Paulus Hochgatterer. Prominente Schauspieler führen diese Texte an Ort und Stelle, also direkt vor den Kunstwerken, in der Gemäldegalerie auf.

Ein literarischer Trend

Das "Sehen von Bildern" wie er es nannte, hat der britische Autor John Berger bereits in den frühen 1960-er Jahren gelehrt. Heute, rund 50 Jahre später, erlebt die Kunst der literarischen Bildbetrachtung einen regelrechten Boom. Cees Nooteboom hat über Frida Kahlo geschrieben, Navid Kermani über Guido Reni, Siri Hustvedt über Gerhard Richter, Wilhelm Genazino über Francis Bacon.

Der Blick von Schriftstellern auf die Kunst ist derzeit international gefragt. Auch hierzulande. Nun wurden 16 Autorinnen und Autoren eingeladen, über Meisterwerke aus der Gemäldegalerie des Wiener Kunsthistorischen Museums zu schreiben. Einer von ihnen ist Paulus Hochgatterer.

Thema Kindesmissbrauch

"Am Anfang stand Blockade, die Situation, dem Bild gegenüber zu stehen und in Wahrheit nicht zu wissen, wie man das umsetzen soll. Und dann, nach einer Entscheidung des Loslassens, ging's plötzlich assoziativ ganz gut", so Hochgatterer.

Die Aufgabe: Correggios "Entführung des Ganymed" in Sprache zu übersetzen: "Das Thema Sexualidentität und letztlich Kindesmissbrauch ist ja in Wahrheit in unserem Sprachgebrauch eine Missbrauchsgeschichte, die da erzählt wird. Und ich bin als Autor jemand, der sehr bildhaft oder filmisch funktioniert."

Anthologie mit 16 Bildbetrachtungen

Eine kurze Szene, einen Dialog hat Paulus Hochgatterer denn auch zum Thema Kindesmissbrauch geschrieben. Wie sein Text "Ganymed Boarding" heißt auch die Anthologie mit den 16 Bildbetrachtungen, die jetzt allesamt im Kunsthistorischen Museum in Szene gesetzt werden - gleichzeitig. Die Besucher können bei einem Rundgang durch die Gemäldegalerie etwa Anne Bennent sehen, wie sie vor Diego Velazquez' "Infantinnen" Elfriede Jelineks Text "Prinzessinnen! Brennendes Unterholz!" spielt. Sie treffen bei einem Porträt des Renaissancemalers Wolf Huber auf Erni Mangold, die die Reaktion von Franz Schuh auf das Bild darstellt, und - gleich nebenan - auf Therese Affolter, die einen Text von Andrea Winkler interpretiert.

Andrea Winkler hat sich für die "Frau am Fenster", ein Gemälde des flämischen Malers Jacobus Vrel, entschieden. Das Bild habe sie von Anfang an fasziniert, sagt die Autorin: "Ich mag das Bild, weil es so wenig erzählt. Es ist ein unglaublich schlichtes Bild, mit wenig Geschichte."

Die Geschichte erzählt Andrea Winkler, sie lässt sich ein auf einen Erkenntnisprozess jenseits von Gewissheiten: "Am ehesten ist es ein Schauen, was mich an diesem Bild anspricht, wohin es mich zieht oder wohin es mich führt. In diesem Sinn war es dieses Nicht-Wissen, wohin diese Frau blickt, das mich gebannt hat."

Mittwochabend um 19:00 Uhr startet der theatrale Rundgang im Kunsthistorischen Museum in Wien. Weitere Vorstellungen gibt es bis zum 10. November 2010 an sechs Mittwochabenden.

Textfassung: Rainer Elstner

Service

"Ganymed boarding, Schriftsteller schreiben über Meisterwerke des KHM", von Thomas Glavinic, Karl Markus Gauß, Peter Handke, Marc von Henning, Bodo Hell, Paulus Hochgatterer, Elfriede Jelinek, Walter Kappacher, Angelika Reitzer, Gerhard Roth, Ferdinand Schmatz, Franz Schuh, Clemens J. Setz, Lisa Spalt, Gerhild Steinbuch, Andrea Winkler und Juli Zeh, Brandstätter Verlag

Kunsthistorisches Museum