Vorzeigeregion für religiöse Toleranz

Während die Diskussion über die gesellschaftliche Rolle des Islam in Westeuropa in vollem Gange ist, kann ausgerechnet Russland mit einem Beispiel aufwarten, wo das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen bestens funktioniert.

Die Region Tatarstan, 900 Kilometer östlich von Moskau wird überwiegend von Muslimen bewohnt, die dort ohne Probleme mit den Nicht-Muslimen zusammenleben. Ein Grund dafür ist die große Autonomie, die Tatarstan in den 1990er Jahren bekommen hat. Doch diese Autonomie wird durch die Reformen von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew immer weiter eingeschränkt.

Friedliches Miteinander möglich

Seit dem 16. Jahrhundert, als Iwan der Schreckliche die damaligen Khanate Kasan und Astrachan an der Wolga eroberten gehören Muslime zum Russischen Reich. Heute stellen sie mit etwa 20 Millionen Menschen die zweitgrößte religiöse Gruppe Russlands dar. Fast alle Muslime sind Angehörige der nationalen Minderheiten, also etwa der Tataren, Baschkiren, Tschetschenen.

Kasan ist das muslimische Zentrum des Landes. Die dort lebenden Tataren - sechs Millionen Menschen - sind das größte muslimische Volk Russlands, in der autonomen Republik Tatarstan stellen sie die Mehrheit. Anderes als im russischen Nordkaukaus, der nach dem Zerfall der Sowjetunion in Chaos und blutigem Bürgerkrieg versank, gelang es der politischen Führung hier einen Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Ein Symbol dafür ist der Kreml von Kasan: Die Mariae-Verkündigungskathedrale aus dem 16. Jahrhundert steht gleich neben der neuen Moschee, die 2005 eröffnet wurde.

Eigene Sprache, fremde Schrift

Die Reformen unter Wladimir Putin hätten die politische Position Tatarstans geschwächt, meint der Historiker Rafael Chakimow, der als einer der geistigen Väter der nationalen Wiedergeburt der Tataren gilt. Das Selbstbewusstsein der Tataren sei inzwischen aber so groß, dass niemand mehr ihre Gleichberechtigung in Frage stelle. Geblieben ist die Sprache, in den Schulen werde auf Tatarisch unterrichtet.

"Unser größtes Problem ist, dass es uns nicht gelungen ist, die lateinische statt der kyrillischen Schrift einzuführen, obwohl die russische Verfassung das erlauben würde", erklärt Chakimow. "Das behindert uns bei Computern, dem Internet und bei der Entwicklung einer zeitgemäßen und moderne Kultur.“

Nicht nur "ein" Islam

Der tatarische Islam gilt als sehr liberal, seit im 18. Jahrhundert eine liberale Reformströmung die intellektuelle Oberhoheit in Tatarstan gewonnen hat, der so genannte Dschadidismus. Aber nicht alle russischen Muslime würden diese liberalen Einstellungen teilen, erklärt der Politikwissenschaftler und Islamexperte Alexej Malaschenko vom Carnegie-Institut in Moskau.

Es gebe in Russland nicht nur einen Islam. Der Islam an der Wolga würde sich völlig von dem im Kaukaus unterscheiden, dort sei er viel traditioneller und strenger, erklärt Malaschenko: "An der Wolga wurde der Islam von den Sowjets genauso unterdrückt wie die orthodoxe Kirche und spielt eine ähnlich geringe Rolle. Im Nordkaukasus ist die Gesellschaft viel traditioneller als im Rest Russlands, es gab mehr Möglichkeit, den Glauben auszuüben, und daher ist der Islam dort viel stärker.“

Eine Frage der Anpassung?

Kazan und Tatarstan seien ein Beispiel für Europa, meint der Historiker Rafel Chakimow: Mehr Entgegenkommen und Wertschätzung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den islamischen Mitmenschen.

Aber auch diese müssten ihren Teil zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen und von der liberalen Tradition der Tataren lernen: "Viele dort leben noch so, als seien sie in rein-islamischen Ländern. Ihr Verständnis des Islam muss sich anpassen, die Muslime müssen verstehen, dass sie in Deutschland leben oder in Frankreich, das ist ganz normal und widerspricht nicht dem Koran."

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Ostblog - Blog von ORF-Korrespondent Markus Müller