David Grossman erhält Friedenspreis

Israelis und Palästinenser haben viel gemeinsam, findet der jüdische Schriftsteller David Grossman: "Beide Völker haben einen ähnlichen Sinn für Selbstironie, aber leider auch das gleiche Talent zur Selbstzerstörung." Grossman erhält am 10. Oktober 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Grossman setzt sich seit Jahren für eine Zweistaatenlösung im Nahen Osten ein. "Es ist zu viel verlangt, Liebe einzufordern", sagte der 56-Jährige. Unverzichtbar sei jedoch, Verständnis füreinander zu haben. Nur so könne es gelingen, "abzurücken von dem Abgrund, auf den wir zusteuern", sagte Grossman auf der Frankfurter Buchmesse 2010.

Mittagsjournal, 08.10.2010

Die andere Seite verstehen

"Bitte respektiert die Nuancen des Nahostkonfliktes. Dieser Konflikt ist kompliziert und interessant zugleich. Nur wenn man sich mit den Details beschäftigt, zuhört und versucht, das andere zu verstehen, ist Friede möglich." Das sagte David Grossman, 56-jähriger Autor aus Israel, der am 10. Oktober 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, als er von der Auszeichnung erfuhr.

"Ja es stimmt, ich bin pessimistischer denn je", so Grossman, dessen Sohn im Jahr 2006, mitten in den Arbeiten zum aktuellen Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" von einer Hisbollah-Granate getötet worden ist. "Das liegt daran, dass sich in Israel und in Palästina der Glaube, der Krieg sei normal, immer mehr durchsetzt. Man macht sich in Israel bereits der Naivität verdächtig, wenn man das Wort Friede in den Mund nimmt. Genau darin sehe ich meine Aufgabe als Schriftsteller", so Grossman, "nämlich deutlich zu machen, dass Töten nicht normal ist. Dass nicht töten kann, wer versteht, wie der andere fühlt."

"Keine Erfahrungen mit dem Frieden"

In unzähligen Romanen und Erzählungen hat sich Grossman immer wieder für die Aussöhnung von Juden und Arabern eingesetzt. "Genau wie die Palästinenser haben wir keine Erfahrungen mit dem Frieden. Israel ist geschaffen worden, damit sich die Juden endlich zu Hause fühlen können. Aber es funktioniert nicht. Denn wir sind nie mit der Realität in Kontakt. Nur mit Ängsten und Vorurteilen. Wir reagieren auf das Echo der Gefahr und nicht auf die Gefahr selbst. Das macht unser Denken so unflexibel und stur", argumentierte Grossman. "Immer wenn sich der Jude in seiner langen Geschichte wohlgefühlt hat, bekam er vom Leben einen harten Schlag. Das hat uns geprägt."

Der Schriftsteller hält auch das weltweit kritisierte Massaker des israelischen Militärs auf dem mit Hilfsgütern für den Gazastreifen beladenen Schiff im Juni für einen kapitalen politischen Fehler. "Es muss jetzt eine Kommission geben aus ausländischen Experten und aus allgemein anerkannten israelischen Persönlichkeiten, die diesen Vorfall untersuchen. Ich glaube, selbst wenn man von Anfang an gewusst hätte, dass neben hilfsbereiten Menschen auch gewaltbereite Radikale auf diesem Schiff waren, hätte man sie passieren lassen müssen. Denn Verhandeln, Nachgeben, den Palästinensern Respekt und Würde zollen und ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben geben, das ist die einzige vernünftige Antwort auf die Gewaltbereitschaft der Hamas."

"Bücherschreiben ist Brückenbauen"

In seinem aktuellen, 700 Seiten starken Roman beschreibt Grossman die Wirkung von Gewalt auf das Leben einer israelischen Familie. "Ich bin fasziniert vom Konzept von Familie. Es sind die Küchen und Kinderzimmer der Familien, in denen sich die wirklichen Dramen abspielen. Nicht die Parlamente oder Regierungssitze. Also ist auch die Familie genau der richtige Ort, um eine Geschichte zu erzählen vom Versuch, eine neue Sprache zu finden und auszusteigen aus den gewohnten Denkmustern und Systemen wie 'politisches Kalkül', 'Religion' und 'gesellschaftliches Vorurteil'".

Die Sprache sei der Schlüssel, sagte Grossman, der in jüngeren Jahren als populärer Radiomoderator selbst ein Teil des sprachlich-manipulativen Systems war. "Nur wer seine eigenen Worte findet für die Welt, in der wir leben, kann sich aus der Masse Gleichgeschalteter abheben und Frieden ermöglichen. Für mich ist das Bücherschreiben daher so etwas wie lebensrettendes Brückenbauen."

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Hanser Verlag - David Grossman