Alle Menschen lügen

"Um gegen die Unwirklichkeit der Welt anzukämpfen, hilft einzig und allein, unsere eigene Geschichte zu erzählen", heißt es ungefähr in der Mitte von Alberto Manguels neuem Roman "Alle Menschen lügen". Vier Menschen erzählen, versuchen in diesem Roman, einen vor Jahren schon verstorbenen, irgendwie phantomhaft-unwirklichen Mann wieder zum Leben zu erwecken.

Indem sie dies tun, erzählen sie auch ihre eigene Geschichte und die Geschichte ihrer Zeit. Und rekapitulieren dabei auch ihre Irrtümer, Projektionen, Mutmaßungen – und vielleicht auch: Lügen.

Kulturjournal, 28.12.2010

Wer war Alejandro Bevilacqua?

Diese Frage stellt sich der spanische Journalist Terradillos. Und um die Biografie dieses für ihn so rätselhaften und reizvollen Mannes zu rekonstruieren, hat er vier Weggefährten aufgespürt. Aus den Zeugnissen dieser Vier ist Alberto Manguels biografisches Puzzle komponiert.

Bevilacqua war nicht das, was man eine schillernde Persönlichkeit nennt. 1938 in Argentinien geboren, führte er lange ein ereignisarmes Leben - ein "Leben als Beobachter, als Zaungast", wie es heißt. Das ändert sich, als er eine linke Aktivistin kennenlernt. Er heiratet sie, wird bei einer Demonstration verletzt, von seiner Frau verlassen, von der Militärjunta inhaftiert und gefoltert.

Er flieht nach Madrid und verkehrt in Migrantenkreisen. Dort begegnete er einer jungen Frau, die seine Geliebte wird. Sie findet eines Tages in einem alten Koffer ein Manuskript, liest es und sieht bestätigt, was sie schon immer glaubte: dass dieser unscheinbare, leise Bevilacqua in Wahrheit ein großer Dichter ist. Ohne dass Bevilacqua davon erfährt, wird der Text gedruckt. Konsterniert verfolgt der gefeierte Autor die Buchpremiere, die Vorstellung des als Meisterwerk gepriesenen Romans mit dem Titel "Lob der Lüge", flieht schließlich die Veranstaltung und wird wenig später tot bei der Wohnung seines Freundes aufgefunden. Der heißt: Alberto Manguel.

"Ich war nicht in Madrid zu dieser Zeit", erzählt Manguel. "Das ist eine Lüge. Ich bin vielleicht zwei, drei Tage in Madrid gewesen in diesen Jahren. Aber ich brauchte das, dass der Alberto Manguel im Buch in Madrid lebt. Und da kann er Bevilacqua kennenlernen."

Autor, Übersetzer, Lektor und Dozent

Alberto Manguel ist in literarische Vexierspiele verliebt, in philosophische Paradoxa, in Identitätswechsel und Doppelbödigkeiten - ein homme de lettre, wie man so schön sagt, der nicht nur als Schriftsteller reüssierte, sondern auch als Übersetzer, Lektor und Dozent. Geboren 1948 in Buenos Aires, aufgewachsen in Israel und Argentinien und beruflich tätig unter anderem in Paris, Mailand, London und Toronto, fühlt sich Alberto Manguel heute in der ganzen Welt zuhause. Er ist kanadischer Staatsbürger - und lebt seit Jahren in Frankreich, umgeben von einer Bibliothek mit rund 50.000 Bänden.

Lesen ist mein Beruf, sagt Manguel, der Diplomatensohn, der, weil er ein deutsches Kindermädchen hatte, auch sehr gut Deutsch spricht, im Gespräch aber immer wieder ins Englische wechselt – die Sprache, in der er auch die meisten seiner Bücher geschrieben hat. Mit "Alle Menschen lügen" hat er zum ersten Mal einen Roman auf Spanisch verfasst, weil er in dieser Sprache, besser als im Englischen, den verschiedenen Weggefährten Bevilacquas verschiedene Stimmen und Stile zuordnen konnte, sagt Alberto Manguel. Und nicht, weil sich der gebürtige Argentinier damit in die Literatur Argentiniens einschreiben wollte.

Ein gar nicht vollständiges Porträt

Wer war Alejandro Bevilacqua? Ein verkanntes Genie – oder ein talentloser Mitläufer? Ein Verräter - oder ein armer Unglückswurm?

Vier Zeugen berichten: ein gewisser Alberto Manguel, der Bevilacqua im Madrider Exil begegnete und gut zu kennen scheint, von einem anderen Zeitgenossen aber als "Schwachkopf" und "aufdringliche Klette" bezeichnet wird; die Lebensgefährtin in Madrid; der Zellengenosse in Buenos Aires, ein kleiner dicker Kubaner mit einer Manie fürs Schreiben; und ein Scherge des Geheimdiensts, den Hass und Eifersucht antreiben und der Wunsch, Bevilacqua zu zerstören. Sie berichten und schaffen ein nach und nach genaueres, aber nicht widerspruchsfreies und schon gar nicht vollständiges Porträt. Nur eines ist gewiss: Das "Lob der Lüge" ist kein Werk Bevilacquas, das gefundene Manuskript gehörte einem anderen. "Jetzt, da ich Alejandro Bevilacquas Geschichte kenne (oder zu kennen glaube), weiß ich, dass ich sie nicht schreiben werde", wird am Ende der Journalist Terradillos sagen.

Erzählte Realität

Um jemanden beschreiben zu können, müssen wir immer schon ein Bild von demjenigen im Kopf haben, sagt Alberto Manguel. Wir müssen das Lesen beherrschen, um schreiben zu können, das Decodieren, um einen Code zu erfinden. Jede Lebensbeschreibung setzt einen Beschreiber-Standpunkt, eine Perspektive, eine Erzählabsicht voraus. Sonst scheitern wir, wie der Journalist im Roman. Und wenn wir von der Realität sprechen, sprechen wir von unserem Eindruck von der Realität, einer erlebten, erzählten, erinnerten Realität, nicht der Realität schlechthin.

Und so geht es in Alberto Manguels Roman "Alle Menschen lügen" letztlich nicht so sehr um die Frage, wer war Alejandro Bevilacqua, sondern: Was heißt überhaupt Erzählen? Was ist Literatur? Kann die Wahrheit jemals Gegenstand des Schreibens sein? Fragen, die keine wirklich neuen sind. Sie intelligent und sprachlich elegant umkreist und mit dem Blick zurück in die Jahre der Diktatur verbunden zu haben, darin liegt die Qualität dieses unterhaltsamen Kabinettstücks von Alberto Manguel, diesem literarischen Kämpfer "gegen die Unwirklichkeit der Welt".

Service

Alberto Manguel, "Alle Menschen lügen", aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange, Verlag S. Fischer

S. Fischer - Alle Menschen lügen