Tod an der Grenze

2009 wird ein Drama aufgeklärt, das 53 Jahre lang ungelöst war: Am 4. August 1956 verschwanden zwei Familienväter aus dem niederösterreichischen Rabensburg beim Fischen an der Thaya, dem Grenzfluss zur damaligen CSR.

Tod an der Grenze

Ein Fressen für die Boulevard-Presse

2009 wird ein Drama aufgeklärt, das 53 Jahre lang ungelöst war: Am 4. August 1956 verschwanden zwei Familienväter aus dem niederösterreichischen Rabensburg beim Fischen an der Thaya, dem Grenzfluss zur damaligen CSR.

Die tschechoslowakischen Behörden stritten einen Grenzzwischenfall vehement ab. Doch die Fischer wurden erschossen. Einer der beiden stand auf der Gehaltsliste des CSR-Geheimdienstes.

Nächtliche Tragödien

Schüsse, Hundegebell, Schreie und grünliche Leuchtspurgeschoße, die langsam zu Boden schweben: Bewohner der Grenzregionen am Eisernen Vorhang kannten dieses Szenario. Meistens waren es Flüchtlinge, die knapp vor der Freiheit im Westen erwischt werden. Am 4. August 1956 sind in Rabensburg an der Thaya zwei österreichische Fischer die Auslöser für diesen nächtlichen Grenzalarm: Karl Benedikt und Walter Wawra. Am nächsten Morgen findet man ihre Motorräder und Kleidungsstücke am Ufer, von den beiden Fischern selbst ist nichts mehr zu sehen.

Hoffen auf ein Wiedersehen

Walter Wawra Junior ist knappe fünf Jahre alt, als sein Vater verschwand. Seine Mutter nimmt über das Außenministerium und über internationale Hilfsorganisationen Kontakt mit den Behörden der damaligen CSR auf. "Vielleicht sind sie beim Schwimmen ertrunken", "Vielleicht gab es plötzliches Hochwasser" und ähnliche Antworten kommen aus Prag.

Dennoch hoffen die Verwandten der Opfer auf eine Rückkehr: Man kennt Fälle von Einheimischen, die über die Grenze gerieten, verhaftet wurden und nach Monate langem Gefängnisaufenthalt wieder nach Österreich gebracht wurden. Wawra und Benedikt kommen nicht mehr zurück.

Die Todesliste

2009 erfährt Walter Wawra Junior die Wahrheit. Franz Huber, ein österreichischer Zollwachebeamter und sein tschechischer Kollege Milan Vojta bringen die Sache ins Laufen: Vojta recherchiert mit tschechischen Publizisten über Grenzverletzungen am Eisernen Vorhang, Huber erzählt ihm vom ungelösten Fall der Fischer.

Zwei Tage später schickt ihm Vojta eine E-Mail mit einer Liste von Erschossenen am Eisernen Vorhang. Die Einträge Nr. 167 und 168 auf der Liste lassen keinen Zweifel zu: "Zwei unbekannte Männer, erschossen am 4.8.1956, am Grenzabschnitt Ruske Domky". Ruske Domky ist der Name des CSR Grenzabschnittes bei Rabensburg.

Das Grab der beiden am Friedhof von Breclav findet Vojta über eine alte Rechnung des Totengräbers, die für zwei Holzsärge ausgestellt wurde.

Archiv des Grauens

Im tschechischen Sicherheitsarchiv in Kanice bei Brünn findet man die Dokumente der Grenzarmee zu diesem Fall: Tagesbefehle, Protokolle, der Schriftverkehr mit dem Innenministerium. Der Grenzzwischenfall wird detailliert beschrieben. Wawra und Benedikt hatten auf tschechoslowakischem Staatsgebiet mit Handdaubeln gefischt.

Die beiden Grenzsoldaten Milan Grajko und Emil Vanek befanden sich im Bunker, der 50 Meter von den beiden entfernt war, als sie Geräusche hörten. Sie liefen zu den Fischern, forderten sie auf, stehen zu bleiben und gaben Warnschüsse ab. Als die beiden flüchten wollten, schossen sie gezielt. Wawra erhielt drei Kopfschüsse und war sofort tot. Benedikt wurde von mehreren Kugeln getroffen. Schwer verletzt ließen ihn die Grenzer in der Thaya liegen, zogen ihn erst nach 30 Minuten aus dem Wasser. Kurz darauf starb auch er.

Im Rahmen einer TV-Dokumentation fürs tschechische Fernsehen konfrontiert man Walter Wawra Junior mit den grauenhaften Details. Unerwähnt bleibt in der Dokumentation, dass einer der beiden Fischer Mitarbeiter des CSR-Geheimdienstes war.

Agent Albert

Der slowakische Historiker Lubomir Morbacher interpretiert für Walter Wawra Junior den Akt des tschechoslowakischen Geheimdienstes: Walter Wawra war wichtiger Mitarbeiter des Geheimdienstes. Unter dem Decknamen "Albert" lieferte Wawra Informationen über Tschechen, die vor den Kommunisten geflüchtet und in Österreich untergetaucht waren.

Mit Unterstützung der russischen Besatzungsmacht wurden die Flüchtlinge häufig wieder in ihre Heimat verschleppt - und ins Gefängnis gesteckt. Agent Albert hatte seine Aufträge stets zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erfüllt. Zum Verhängnis wurde ihm letztendlich seine Leidenschaft, das Fischen: Fischen vom Ufer der CSR aus - dort waren die besten Fischgründe - hatte sich Wawra auch von seinem Geheimdienstoffizier nicht verbieten lassen. Die Grenzsoldaten wussten nichts von seinen Agentenverstrickungen.

Service

Ceska Televize - TV-Dokumentation "Verschwundene Väter" (tschechisch)