Weltraum-Schau in der Kunsthalle Wien

Die Kunst und ein Traum

Die unermesslichen Weiten des Weltraums sind das Thema der neuen Ausstellung in der Wiener Kunsthalle. Dafür gibt es auch einen konkreten Anlass: Am 12. April ist es nämlich genau fünfzig Jahre her, dass mit Juri Gagarin der erste Mensch ins All geflogen ist.

Künstler haben seit damals nicht nur auf die einschneidenden Ereignisse der Weltraumfahrt reagiert, sondern den Weltraum auch als Raum für ihre Fantasien und Visionen herangezogen. "Die Kunst und ein Traum" heißt deshalb auch der Untertitel der Schau, die gemeinsam mit dem Naturhistorischen Museum durchgeführt wird.

Kulturjournal, 31.03.2011

"Sehnsuchtsort" Weltraum

Erster Offizier Uhura hat soeben die Frequenz für die Kommunikation mit Außerirdischen freigegeben. Die Videoarbeit der Amerikanerin Simone Leigh, die einen kurzen Ausschnitt aus der TV-Erfolgsserie "Raumschiff Enterprise" geloopt hat, ist damit ein passender Einstieg in die Ausstellung.

"Der Weltraum ist ein Sehnsuchtsort", meint Kunsthallen-Direktor Gerald Matt, "ein Ort, wo man das andere vermutet, das Abenteuer; wo man etwas entdecken will. Der Musiker Sun Ra hat gesagt: 'Space ist the place', also auch ein Hoffnungsort."

Die Eroberung dieses Sehnsuchtsraums hat Künstler von Anfang an beschäftigt. Dem ersten Menschen im All, Juri Gagarin, hat die Engländerin Eve Sussman mit ihrer Rufus Corporation ihre Reverenz erwiesen. Mit der Installation "Yuri's Office" hat sie eine exakte Kopie von Gagarins Büro in die Kunsthalle gestellt.

Ein ironisches Statement zur ersten Mondlandung hat die Wiener Künstlergruppe Monochrom gestaltet. Sie zeigt eine fiktive Dokumentation über die erste Landung auf dem Mars.

Artists in Residence bei der NASA

Es haben sich aber nicht nur die Künstler seit Anbeginn für die Raumfahrt interessiert, die Raumfahrtbehörde suchte umgekehrt auch schon früh die Zusammenarbeit mit den Künstlern, erzählt Kuratorin Catherine Hug. "Die berühmtesten Beispiele sind Robert Rauschenberg, Nam June Paik oder sogar Andy Warhol", so Hug. So wurde Rauschenberg für die Apollo-11-Mondlandung eingeladen.

Rauschenberg hat damals eine Serie von Farblithografien gestaltet. Sechs Blätter dieser "Stoned Moon Series" sind in der Ausstellung zu sehen. Der Hochtechnologie der Raumfahrttechnik hat Rauschenberg in diesen Collagen Natur- und Tieraufnahmen gegenübergestellt.

Ein Schwarzes Loch im Museum

In der Mitte der Kunsthalle hängen zwei Konstruktionen von der Decke: Mehrere Meter große, dabei aber filigrane Gebilde aus Holzlatten, Neonröhren und Glühbirnen. "Schwarzes Loch" nennt der deutsche Künstler Björn Dahlem seine Arbeit.

"Das Schwarze Loch ist ja sozusagen wir der blinde Fleck im Auge", erklärt Dahlem, "also das, was überhaupt keine Informationen preisgibt, was sogar die Lichtstrahlen verschluckt und über das man überhaupt nichts weiß. Es ist sozusagen das ewig im Universum dahinwabernde Mysterium."

Dahlem nähert sich seinem Thema über wissenschaftliche Texte. Ihn interessieren aber weniger die wissenschaftlichen Ergebnisse, als vielmehr die Sehnsuchtsbilder und Visionen, die sich zwischen den Zeilen dieser komplexen Theorien verbergen. Sein Ansatz sei auch nicht kritisch, sondern eher romantisierend, meint der Künstler. Wissenschaft betrachtet er mehr als "eine Art geistige Landschaft, und ich bin - wenn man so will - ein Künstler, der diese Landschaften abbildet; ähnlich wie vielleicht die romantischen Künstler im 19. Jahrhundert, die in die Gebirge aufgebrochen sind, um da sozusagen fremde Welten zu entdecken."

Gegenseitige Beeinflussung Alltag und Weltraumfahrt

Die Ausstellung wird zusammen mit dem Naturhistorischen Museum durchgeführt. Dort befinden sich Videoarbeiten von Pipilotti Rist und eine mit weißem Kunstpelz verkleidete Rakete von Sylvie Fleury. Von Fleury stammt übrigens auch die interessante Beobachtung, dass es Comics und Science-Fiction-Filme waren, die maßgeblich die Ästhetik der Weltraumfahrt beeinflusst haben.

Die Ästhetik der Weltraumfahrt hat dann wiederum die Alltagsästhetik geprägt und vor allem in den 1960er und 70er Jahren Auswirkungen auf Auto- und Möbelbau gehabt. Fleurys weiße Plüschrakete unterstreicht diese Aussage mit einem ironischen Augenzwinkern.

Von Meteoriten lernen

Die Kunst hat sich aber nicht nur ins Naturhistorische Museum ausgebreitet, wissenschaftliche Fundstücke aus dessen Sammlung sind umgekehrt auch in der Kunsthalle zu sehen. Per Live-Streaming werden Bilder des dortigen Meteoritensaals übertragen, der ältesten derartigen Schausammlung der Welt.

"Meteoriten sind einerseits für die Wissenschaft hochinteressant, weil wir von ihnen gelernt haben, wie das Sonnensystem entstanden ist", erklärt Christian Köberl, Direktor des Naturhistorischen Museums. "Wir haben von ihnen gelernt - so vor 30, 40 Jahren - das Alter der Erde, das war vorher nicht so genau bekannt. Für die Wissenschaft also eine Schatzkammer an Information aus einer Zeit, die uns sonst nicht zugänglich ist. Andererseits, wenn Meteorite auf die Erde treffen, dann können sie auch Naturkatastrophen hervorrufen. Wenn sie besonders groß sind, dann führen sie auch zum Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, wie das zum Beispiel vor 65 Mio. Jahren am Ende der Kreidezeit geschehen ist, als über 50 Prozent aller damals lebenden Arten auf der Erde ausgestorben sind, unter anderem auch die Dinosaurier."

Fantasie und Wirklichkeit

Eine ganz andere Bedrohung aus dem Weltraum lässt sich ebenfalls in der Ausstellung erleben: 1938 hat Orson Welles im amerikanischen Rundfunk mit "Krieg der Welten" einen Angriff Außerirdischer auf die Erde geschildert - so authentisch, dass die Radiosendung eine panische Massenflucht auslöste.

Fantasie und Wirklichkeit treffen also auf vielfältige Arten in der Kunsthalle zusammen. Was einen wieder an die eingangs erwähnte Uhura von der "Enterprise" denken lässt. Denn wie hatte die in "Star Trek" einmal gemeint? Der Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit sei nur, dass die Fantasie noch nicht stattgefunden habe.

Textfassung: Ruth Halle

Service

"Weltraum. Die Kunst und ein Traum", 1. April bis 15. August 2011, Kunsthalle Wien und Naturhistorisches Museum,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen an beiden Stätten ermäßigten Eintritt.

Kunsthalle Wien - Weltraum
Naturhistorisches Museum - weltraum

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