Lügen über meinen Vater

Vatergeschichten sind derzeit en vogue. Der Sohn Helmut Kohls hat eine geschrieben, Arno Geiger und Wolf Wondratschek. Nun ist auch die des vor allem als Poet bekannten schottischen Autors John Burnside in deutscher Übersetzung erschienen. Es ist der erste Teil seiner Lebenserinnerungen. Ein zweiter Teil kam letztes Jahr in England heraus unter dem Titel "Waking up in Toytown".

Der 56-jährige Schotte entstammt einer zerrütteten Familie aus dem englischen Arbeitermilieu. Sein Vater war ein schwerer Trinker, die Mutter anämisch und depressiv. Der Vater terrorisierte die Familie, bis alle - Mutter, Sohn und Tochter - kapitulierten.

Opfer wird (nicht immer) Sieger

Nicht nur Vatergeschichten, Bücher mit Erinnerungen an die eigene schlimme Kindheit ganz allgemein sind derzeit Legion. Und das Gros der Neuerscheinungen funktioniert nach dem bewährten Muster "Phönix aus der Asche" - wie aus dem Opfer ein Sieger wurde. Vielleicht kommt dieses Muster einem Wunsch des Lesers nach Sicherheit entgegen: Wer identifiziert sich heutzutage schon gerne mit einem Verlierer? Zu viel Einfühlung könnte ansteckend sein! Den Siegern, gerade wenn sie sich unter Qualen nach oben gearbeitet haben, gilt die Bewunderung der meisten.

John Burnsides Autobiografie "Lügen über meinen Vater" bedient solche Bedürfnisse mit keinem Wort. Er schreibt über die Hölle seiner Kindheit, seiner Jugend, aber er vergisst nicht, den Duft des Kuchens in der Küche seiner Mutter auszumalen, den rot aufflammenden Blättern im herbstlichen Wald eine halbe Seite zu widmen und den von ihm als sakral empfundenen Trips mit LSD, mit Morphium, mit Extasy, mit Pillen und Alkohol fast das gesamte letzte Drittel des Buches.

Schlüsselszene der Kindheit

"Lügen über meinen Vater" ist keine Abrechnung, sondern eine Art präziser Erinnerungsphantasie. Klingt paradox: Wie kann eine Phantasie präzise sein? Aber für John Burnside war seine Imagination fast der einzig mögliche Raum, in dem er erkunden konnte, was in seinen Eltern, besonders in seinem Vater, wohl vorgegangen sein mochte. Als er soff, brüllte und dem drei-, dem fünf-, dem siebenjährigen Sohn immer wieder eindringlich erklärte: Besser, er wäre tot! Die Schlüsselszene der Kindheit von John Burnside.

Und präzise ist Burnsides Phantasie deshalb, weil der Autor sich nicht schont, seine hilflose Sehnsucht ebenso klar benennt wie die Spurenelemente von Väterlichkeit in dem "breitschultrigen Kerl, eins achtzig groß, stark, skrupellos", dessen Stimme immer ein "Vorbote von Schmerz und Entsetzen" ist. Sieben Jahre nachdem der Vater verstorben war, John Burnside ist inzwischen 33, befragt er eine Tante nach dessen Familie:

"Ein Niemand aus Nirgendwo"

1926, in Schottlands Industrierevieren herrscht Massenarbeitslosigkeit, wird George McGee auf den Treppenstufen eines Arbeiterhauses ausgesetzt. Dort behält man ihn für ein paar Wochen, dann wird er weitergereicht. "Ein Niemand aus Nirgendwo" nennt John Burnside seinen Vater und erklärt, dass eine solche Kindheit Verlassenheitsgefühle in besonders vernichtender Ausprägung nach sich zieht.

Das Buch ist der Versuch des Autors, sich begreiflich zu machen, warum der Vater auf der Suche nach Halt zum Alkohol greift. Und warum er auf der Suche nach einer Geschichte zum Lügner wird. George McGee, dies ist einer von mehreren Namen, die der Vater sich gibt, stilisiert sich zum Adoptivkind einer Unternehmerfamilie, zum Fußballprofi, zum Helden der britischen Armee, dabei war er sein Leben lang Gelegenheitsarbeiter und Trinker. Und wenn er soff, dann log er, dass sich die Balken bogen.

Winzige positive Teilchen

Es ist verwirrend, aber auch anrührend zu lesen, mit welcher Hingabe und Energie sich der ungeliebte Sohn an die posthume Rückeroberung des Vaters macht. Jetzt, wo der sich nicht mehr wehren kann, Vater zu sein. Jetzt entdeckt Burnside, dass der Vater mit seinen Lügengeschichten wohl eine schmerzhafte Lücke schließen wollte. "Er brauchte eine Geschichte, brauchte ein Ich-Gefühl", heißt es in dem Buch. Und der Sohn entdeckt, dass der Vater mit seiner Legendenproduktion immerhin auch eine gewisse Vorstellungskraft unter Beweis stellt.

Burnside sammelt die winzigen positives Teilchen, die das große schwarze Loch des väterlichen Grauens für ihn hergibt. Und die schier übermenschliche Anstrengung dahinter ist spürbar. Letztlich sind es nur Deutungen, die Trost spenden sollen. Deshalb der Titel "Lügen über meinen Vater".

John Burnside fing an, nach solchen Ursachen für Trost zu fahnden als er spürte, dass er Probleme bekommen würde mit seiner eigenen Vaterschaft, wenn er keinen Frieden schließen könnte mit seiner Vergangenheit.

Exzessiver Drogenkonsum

John Burnside hat inzwischen 14 Gedichtbände vorgelegt und sieben Romane, davon sind bislang erst zwei ins Deutsche übersetzt worden - "Glister" und "Die Spur des Teufels". Er ist Professor für Creative Writing an der schottischen St. Andrews Universität, sein Spezialthema ist Umweltschutz und Literatur. Also hat er durchaus eine Phönix-aus-der-Asche-Karriere hingelegt. Er würde durchaus ins Heldenschema "Erst Opfer dann Sieger" passen. Aber der 56-Jährige winkt ab: "Niemand ist ein für alle Mal gerettet."

Eine ganze Zeit lang - mehr als zehn Jahre - sah es so aus, als wollte John Burnside den Wunsch seines Vaters an sich selbst vollstrecken und aus dem Leben verschwinden. Nach exzessivem Drogengebrauch kam er mehrfach in die Psychiatrie mit der Diagnose "Borderline Störung und Suizidgefährdung".

Kein Einzelfall

Burnside erkennt, dass der Vater sich in seinem Kopf eingenistet hat. In "Lügen über meinen Vater" heißt es: Er war mir "überall hin gefolgt, ein glühender Funke Selbsthass im Innersten meiner Seele, sengend heiß und unauslöschlich." Die autobiografische Arbeit Burnsides mag dazu gedient haben, diesen Selbsthass des Vaters quasi an ihn zurückzugeben, dort wo er hingehört, um aus der Einflusszone seiner toxischen Ausstrahlung entkommen zu können. Der Autor nennt noch einen anderen Grund:

Das Kind John Burnside versucht immer wieder aus seiner Familie zu verschwinden, erst taucht er in Bücherwelten ab, dann in die Wälder hinter der Stadt, mit 17 der erste LSD-Trip. Seine Theorie, auch heute noch:

Wahrhaftige Geschichte

"Lügen über meinen Vater" von John Burnside ist die überaus wahrhaftige Geschichte eines Sohnes, der sich seinen Vater posthum zusammenreimen muss. Die Leerstelle muss gefüllt werden, denn wo kein Vater, da auch kein Sohn. "Lügen über meinen Vater" ist eine Mischung aus Autobiografie und Horrorroman, markerschütternd gut geschrieben.

Service

John Burnside, "Lügen über meinen Vater", aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben, Knaus Verlag

Knaus Verlag - John Burnside