UdSSR - unbewältigte Geschichte

Vor 20 Jahren begann das endgültige letzte Kapitel der Sowjetunion. Eine Gruppe von Altkommunisten begann einen Putsch gegen die Reformpolitik von Michail Gorbatschow. Der Putsch wurde innerhalb weniger Tage niedergeschlagen, die Sowjetunion löste sich auf. Aufgearbeitet ist die Geschichte aber bis heute nicht.

Morgenjournal, 20.08.2011

UdSSR am Ende

Als die Panzer der Putschisten auf den Roten Platz rollen, beschleunigen sie das, was sie eigentlich verhindern sollen. Russland und dann die anderen Unionsrepubliken erklären sich für unabhängig, Boris Jelzin übernimmt statt Michail Gorbatschow das Ruder, die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken ist endgültig am Ende.

"Soziale Nähe beim Schlangestehen"

Hunderttausende demonstrierten damals, um den Putsch abzuwenden. Heute würden viele von ihnen das lieber ungeschehen machen, meint die Journalistin Irina Jasina, die damals ebenfalls auf die Straße ging: "Es herrscht eine Nostalgie nach der Sowjetunion, die ich eher als Amnesie bezeichnen würde, einen völligen Verlust der Erinnerung. Wie haben wir denn gelebt? Schlecht! Aber das alles wird ausgeblendet und nur die positiven Seiten werden hervorgehoben. Sogar dem Schlangestehen nach Lebensmitteln können die Leute jetzt positive Seiten abgewinnen, nämlich die große soziale Nähe. Ich finde das alles sehr eigenartig."

Aufarbeitung versäumt

Die Führung unter Premier Putin verstärke und benütze diese Stimmung. Dabei sei damals allen klar gewesen, dass die Sowjetunion am Ende war. Jasina, deren Vater Anfang der 1990er Wirtschaftsminister war, hatte daher auch nie die Befürchtung, der Putsch könne gelingen. Die Sowjetunion war einfach bankrott. Für ein Aufarbeiten der Geschichte, der Verbrechen der Sowjet-Ära war in der darauf folgenden turbulenten Periode keine Zeit. "Wir haben die Chance versäumt. Über die Taten der Eltern sollten die Kinder urteilen und nicht die Enkel oder sogar Urenkel. Die alten Leute tun uns heute einfach leid. Man könnte einzelne belangen, aber die große Masse - das hätte keinen Sinn."

Gesellschaftsmodell wird fortgeschrieben

Und die Führung habe kein Interesse daran, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sie schreibe lieber das sowjetische Gesellschaftsmodell fort, meint die Journalistin Irina Jasina. Ein großer mächtiger Staat, der sich um die Menschen kümmere, in dem der einzelne aber nichts mitzureden habe. Der ehemalige KGB-Agent Wladimir Putin habe die Reformen der 1990er zurückgenommen und die Mehrheit der Russen sei damit einverstanden. "Die Kinder, die heute aufwachsen sind anders. Meine Tochter ist 1988 geboren, in ihrem Pass steht: Geboren in der Sowjetunion. Das findet sie cool. Die jungen Leute können mit dieser Vergangenheit zum Glück leichter und offener umgehen."

Keine Feiern

Feierlichkeiten oder offizielle Veranstaltungen zum 20. Jahrestag des Endes der Sowjetunion gibt es keine. Ihre Familie begeht den Tag als Feiertag, meint Irina Jasina. Damit sei sie aber eine kleine Minderheit.